zentripetaler Kräfte entfernt und stattdessen dem Moment der Rastlosig- keit des Kapitalismus gesteigerte Aufmerksamkeit schenkt. Was seine „Vision“ des Kapitalismus anbelangt, so ist Marx für Schumpeter gewiss von weit größerer Bedeutung als jeder andere Autor, und die Bedeutung Marxens nimmt im Lauf der Zeit eher zu als dass sie schwindet. Dies spie- gelt sich in der größeren Radikalität des Schumpeterschen Denkens im Verhältnis zum Keynesschen wider, für den die Marxschen Schriften kaum eine Rolle spielen und denen er, wie wir von Piero Sraffa wissen, verständ- nislos gegenübersteht. Sie spiegelt sich auch wider in einer ähnlich wie bei Marx auf realwirtschaftliche Faktoren zurückgreifenden Erklärung von Kri- sen, in denen die Bewegung der durchschnittlichen Profitrate eine zentrale Rolle spielt. So erklärt Schumpeter die Weltwirtschaftskrise in seinen 1939 veröffentlichten Business Cycles als das Zusammentreffen der Tiefpunkte dreier Typen von Zyklen – eines „Kondratieff“, eines „Juglar“ und eines „Kitchin“. Wichtigster Auslöser der Weltwirtschaftskrise sei das sich erschöpfende innovative Potential in der Elektro-, der chemischen und der Automobilindustrie gegen Ende der 1920er-Jahre und der damit einherge- hende Fall der Profitrate gewesen. Schumpeter vertritt eine Auffassung, die man mit dem Marxschen Diktum „Permanente Krisen gibt es nicht“ belegen könnte: Das ökonomische System bewegt sich in Zyklen, Innovat- ionen sind das Lebenselixier des Kapitalismus, auf Depressionen folgen wirtschaftliche Erholungen und Booms. Schließlich spielen bei Schumpe- ter ähnlich wie vor ihm bei Adam Smith und Marx Machtbeziehungen zwi- schen den Akteuren eine wichtige Rolle, weit stärker als dies bei Keynes der Fall ist. Keynes’ Sicht der langfristigen Entwicklungstendenzen ist im Verhältnis hierzu deutlich pessimistischer. Im Lauf der Zeit, so seine Einschätzung, werde es aus drei Gründen immer schwieriger, einen hohen Beschäfti- gungsstand und wirtschaftliches Wachstum zu sichern. Erstens, mit der Zunahme des Kapitalstocks relativ zur beschäftigten Bevölkerung sinke die relative „Knappheit“ des Kapitals und mit ihr dessen Profitabilität. Dies wirke sich negativ auf die Anreize zur Investition aus, die Investitionsnei- gung sinke. Zweitens, je größer das Volkseinkommen einer gegebenen Bevölkerung, desto größer die marginale und durchschnittliche Sparnei- gung und damit desto größer der sich ergebende Nachfrageausfall. Drit- tens, auf Grund einer merklichen Liquiditätspräferenz der Akteure sinke der Geldzinssatz nicht oder nur wenig, so dass sich die Finanzierung neuer Investitionsprojekte nicht günstiger gestalte, das heißt die Investi- tionsfähigkeit sich nicht verbessere. Das System befindet sich demzufolge in einer Stagnationsfalle: Die Investitionsneigung sinkt, nötig wäre aber gerade deren Steigen, um die von einer steigenden Sparneigung ausge- henden depressiven Tendenzen zu konterkarieren. Die von Keynes gese- hene Gefahr lautet: Je reicher eine Gesellschaft bereits ist, das heißt je 199 38. Jahrgang (2012), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft