mehr Kapital in ihr akkumuliert worden ist, desto ungünstiger ist es um die Realisierung des Reichtums bestellt. Denn dazu wären hohe Niveaus der aggregierten effektiven Nachfrage nötig, welche wiederum hohe Niveaus der Investitionsnachfrage zur Voraussetzung haben. Zu diesen werde es aber auf Grund der sich verschlechternden Profitabilitätserwartungen nicht kommen. Die Konsequenz: „Zum Überfluss an Kapital gesellt sich eine solcher an Output“, wie Keynes sich ausdrückt – gemeint sind unter- ausgelastete Produktionskapazitäten und nicht absetzbare Produktions- mengen. Derartige Vorstellungen sind Schumpeter fremd: Selbst die Welt- wirtschaftskrise ist für ihn kein Anzeichnen einer Tendenz zur Stagnation, sondern nur ein Vorbote des nächsten „Wellenschlags von Prosperität und Depression“.1 Neben diesen und anderen Unterschieden darf aber nicht übersehen werden, dass die beiden Autoren in bedeutender Hinsicht ähnlicher Auf- fassung waren.2 Zu den wichtigsten darunter zählen die folgenden. Für beide handelt es sich beim Kapitalismus um ein krisenanfälliges System. Die von der orthodoxen Ökonomik vertretene Auffassung, das System werde ständig von starken, zum Gleichgewicht bei Vollbeschäftigung drängenden Kräften beherrscht, weisen sowohl Schumpeter als auch Keynes, freilich auf sehr unterschiedliche Weise zurück. Der Kapitalismus ist ihrer Auffassung nach rastlos und bringt sich durch endogen verur- sachte depressive oder stagnative Tendenzen selbst in Gefahr. Beide Autoren sind fasziniert von den Leistungen des Systems und bestrebt, es grundsätzlich zu erhalten, aber Schumpeter ist insgesamt skeptischer, ob dies auf lange Sicht wirklich möglich ist. Die nichtintendierten Konsequen- zen eigensüchtigen Verhaltens – das große Thema eines David Hume oder Adam Smith – sind auch Gegenstand der Betrachtung von Schumpe- ter und Keynes. Sowohl Schumpeter als auch Keynes streichen die Interdependenz von realem und finanzwirtschaftlichem Sektor heraus. Beide betonen die zen- trale Rolle des Bank- und Kreditsystems für den jeweiligen Zustand und die Entwicklung der Wirtschaft. Beide sehen die gesamtwirtschaftliche Geld- und Kreditmenge als im Wesentlichen endogen bestimmt an und betonen die Geld- und Kreditschöpfungsmöglichkeiten der Banken. Key- nes habe eine „Wall Street Perspektive“ auf das ökonomische System gehabt (Hyman Minsky). Bei Schumpeter (1912, S. 369) ist die Rede davon, dass das Geld das „kapitalistische Lebensblut“ sei, der Geldmarkt „das Hauptquartier der kapitalistischen Wirtschaft“ (S. 276). Die Vorstel- lung vom Geld als „Schleier“, der über den realen Verhältnissen liege und ohne größere Gefahr für diese weggezogen werden könne, wird von bei- den in das Fabelreich verwiesen. Geld bzw. Kredit ist nötig, um Investitio- nen, und mehr Geld und Kredit, um wachsende Investitionen zu finanzie- ren. Beide Autoren sehen den Geldzinssatz durch Angebot und Nachfrage 200 Wirtschaft und Gesellschaft 38. Jahrgang (2012), Heft 2