nach Liquidität bestimmt und nicht durch Investition und Ersparnis. In sei- ner weiter oben erwähnten Rezension der General Theory unterbricht Schumpeter an einer Stelle seinen Frontalangriff auf Keynes und lobt ihn ob dessen Zinstheorie – handele es sich dabei doch „um die meine“. Beide Autoren verwerfen die überlieferte Sicht, wonach die Spartätigkeit zu Reichtum führt. Diese Auffassung hatte mit besonderem Nachdruck Adam Smith mit seinem Loblied auf die Frugalität vertreten und war darob von Marx heftig kritisiert worden, der von einer „Kinderfibel“ sprach. Schumpeter schließt sich dieser Kritik unter explizitem Bezug auf Marx an und insistiert, dass der Reichtum einer Gesellschaft das Resultat von Investitionen ist, die Innovationen in das ökonomische System einschleu- sen und dessen Produktivität steigern. Steigt aber das Sozialprodukt, so steigt auch die Ersparnis. Keynes kommt in einem ähnlichen Argument ohne Schumpeters Produktivitätssteigerungen aus: Bei ihm ist es die durch eine Investitionserhöhung (bzw. -senkung) sich über den Einkom- mensmultiplikator ergebende Aktivierung des ökonomischen Systems, die zu einem mehr oder weniger großen Volkseinkommen führt und damit zu mehr oder weniger großen Ersparnissen. Bei beiden Autoren lautet die Botschaft: Nicht die Ersparnisse führen zu Investitionen, sondern Investi- tionen bewirken Ersparnisse. Das Hauptaugenmerk hat demnach den Investoren zu gelten und nicht den Sparern alias Konsumenten. Deren Verhalten sei im Wesentlichen passiv, reaktiv, hedonisch, das der Investo- ren hingegen aktiv, energisch, neue wirtschaftliche Räume schaffend. Schumpeter verwirft auch die von Eugen von Böhm-Bawerk vertretene Auffassung, jedem Menschen sei eine positive Rate der Zeitpräferenz zu eigen. Eine positive Zeitpräferenz, so Schumpeter in Anlehnung an seinen akademischen Lehrer Friedrich von Wieser, sei nicht die Ursache eines positiven Zinssatzes, sondern dessen Folge. Bei Keynes spielt die Frage nach der Zeitpräferenz im Konsum keine nennenswerte Rolle. Wir wenden uns jetzt Keynes’ Investitions- und Zinstheorie zu. 3. Keynes’ „marginal efficiency of capital“ In seiner Investitionstheorie übernimmt Keynes im Wesentlichen die Methode des internen Zinsfußes, um die Entscheidung eines Investors angesichts mehrerer Investitionsprojekte zu analysieren. Er schreibt: „I define the marginal efficiency of capital as being equal to that rate of dis- count which would make the present value of the series of annuities given by the returns expected from the capital-asset during its life just equal to its supply price“.3 Diese Methode ist aus bekannten Gründen problematisch, was uns hier jedoch nicht zu interessieren braucht. Keynes fährt fort, dass die verschiedenen Investitionsprojekte vom Investor gemäß ihrer Grenz- 201 38. Jahrgang (2012), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft