Einige Gedanken zur Eurokrise aus keynesianischer Sicht Herbert Walther 1. Die Eurokrise als Systemkrise Die Eurokrise, welche auf die größte Finanzkrise seit den dreißiger Jah- ren folgte und mit jener auf vielfältige Weise interagiert, ist ebenso wie die Finanzkrise zu aller erst eine Systemkrise. Eine Systemkrise unterscheidet sich von anderen Krisen lokal eingrenz- barer Art (zum Beispiel von der Strukturkrise einer Branche, oder von „nor- malen“ konjunkturellen Schwankungen) durch die Breite des Spektrums der Spill-Over-Effekte und die Dynamik der auftretenden destabilisieren- den Rückkoppelungen. Ein geradezu exemplarischer Fall solch destabili- sierender Rückkoppelungen auf der Systemebene ist die Herabstufung der Bonität von Staaten im Euroraum durch Rating Agenturen aufgrund der Risiken im Bankensystem – bei gleichzeitiger Herabstufung der Ban- ken aufgrund der fragileren Bonität des potenziellen „Retters“. Wenn dies – unter den Bedingungen freien Kapitalverkehrs und einer Zentralbank, die sich aus Gründen der vermeintlichen Verteidigung ihrer Unabhängig- keit weigert, „lender of last resort“ zu spielen – zu höheren Zinsen auf Staatsanleihen und tieferem Wachstum führt, verschlechtert sich die Situation weiter. Die historische Erfahrungen zeigt, dass Systemkrisen zur ihrer Bewälti- gung andere Strategien benötigen, als „lokal eingrenzbare Krisen“. In „lokalen“ Krisen bleibt jener Anker der Stabilität weitgehend bestehen, den Keynes in den langfristigen Erwartungen der Real- und Finanzinves- toren ortet. Solange Investoren und Kreditgeber darauf vertrauen, dass längerfristig eine Rückkehr in den Zustand der „Normalität“ erwartet wer- den kann, können schwache, stabilisierende Rückkoppelungen allmählich ihre Wirksamkeit entfalten. Eine Systemkrise hingegen entfaltet eine unheilvolle Dynamik, in der Katastrophenlösungen als eine Option zumindest in den Bereich des Mög- lichen rücken. Ein solcher „Blick in den Abgrund“ verändert alles – wobei es gar nicht so sehr auf eine konkrete Wahrscheinlichkeit eines solchen Ereignisses ankommt. Entscheidend ist vielmehr die pure Möglichkeit, dass „es“ geschehen könnte (also zum Beispiel ein Zerfall der Euro-Zone 211 38. Jahrgang (2012), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft