Aufstieg und Niedergang der Stuckys – ein mitteleuropäischer Beispielsfall Robert Schediwy Zu den bedeutendsten Industriedenkmalen Venedigs zählt, im westli- chen Abschnitt der Giudecca-Insel gelegen, ein nicht zu übersehendes monumentales Backsteingebäude, die so genannte Stuckymühle. Sie ist heute, nach jahrzehntelanger Leerstehung, als Hotel revitalisiert. Das Molino Stucky Hilton trägt aber immer noch den Namen seines Erbauers Giovanni Stucky (1843-1910), und das nicht zu Unrecht. Stucky ist aller- dings ein für Italien ungewöhnlicher Name. Die am Wiener Beispiel getä- tigte Feststellung Günther Chaloupeks von der zumeist ausländischen Herkunft der Fabriken gründenden Handwerker1 bewahrheitet sich auch im Falle der im 19. Jahrhundert lange zu Österreich gehörigen Lagunen- stadt. Die Stuckys waren eine italienischer Unternehmerdynastie Schwei- zer Herkunft, und ihr Aufstieg war ebenso dramatisch wie ihr Niedergang. Zuerst war da allerdings Friedrich Oexle aus Augsburg. Der Bayer war nach der Eröffnung des Freihafens nach Venedig zugezogen und verkör- perte den Typus des wagemutigen Entrepreneurs. Im Juli 1840 gelang es Oexle, gegen 49 Mitbewerber Kloster und Kirche von San Girolamo für sein Projekt einer Dampfmühle zu erwerben – nicht zuletzt dank der Unter- stützung durch den Wiener Bankier Salomon Rothschild. Weniger als ein Jahr später war die Mühle fertig, im gleichen Jahr als auch in Wien die erste Dampfmühle errichtet wurde.2 Verarbeitet wurde hauptsächlich aus- ländisches Getreide, aus der Gegend des Schwarzen Meeres. Die Oexle- sche Dampfmühle galt als die modernste der italienischen Halbinsel. Aller- dings dürfte Oexles Wagemut seiner Kapitalkraft vorausgeeilt sein: 1847 ging er in Konkurs und das Unternehmen wurde von drei venezianischen Geschäftsleuten übernommen. Samuele della Vida, Abramo Errera und Giuseppe Maria Reali Der kompetente Techniker Oexle verblieb aller- dings als Direktor.3 Als solcher hatte er einen gebürtigen Schweizer namens Hans Stucky als geschätzten Mitarbeiter, der ihm bis zu Oexles Tod die Treue hielt. Hans Stucky (1813-1887) war der Spross einer Bauern- und Büchsen- macherfamilie, stammte aus Münsingen im Kanton Bern und machte sich 1829 zu Fuß auf, sein Glück in der weiten Welt zu versuchen. Er fand Anstellungen in Getreidemühlen, bildete sich technisch weiter – Schwei- 454 Wirtschaft und Gesellschaft 38. Jahrgang (2012), Heft 2