Die Entstehung der Spieltheorie Rezension von: Robert Leonard, Von Neumann, Morgenstern, and the Creation of Game Theory. From Chess to Social Science, 1900-1960, Cambridge University Press, Cambridge 2010, xii + 390 Seiten, D 78. Es gibt unterschiedliche Ansätze zur Darstellung der Geschichte ökonomi- scher Theorie. So könnte man schil- dern, was eine Generation von Ökono- men von den früheren gelernt hatte und durch Aufdecken von Ungereimt- heiten in der alten Theorie diese in eine bessere transformierte. Die Geschich- te der Volkswirtschaftslehre wird als ein Lernprozess dargestellt. Die han- delnden Personen, nämlich die Auto- ren der neuen Theorien, vollziehen die notwendige Entwicklung. In so einer Behandlung des Themas wird ein Fort- schritt in der Theorie gezeigt. Der ei- gentliche historische Prozess wird da- bei kaum behandelt. Robert Leonard, Professor an der Université du Quebec ? Montreal, stellt in seinem Buch eine andere Frage: Welche Gegebenheiten und Umstände hatten dazu geführt, dass der Ungar und Jude John von Neumann und der Österreicher Oskar Morgenstern in den USA ein Buch geschrieben haben, dessen Inhalt zunächst nur wenig Ein- fluss auf die Entwicklung der Wirt- schaftstheorie genommen hat, aber den Anstoß zur Entwicklung von seit ungefähr vierzig Jahren sehr wichtigen Instrumenten für Analysen der Wirt- schaft gab? Das Buch hat drei Teile. Im ersten Teil wird die Entwicklung von Neu- manns bis zu den ersten Darstellungen des Minimax-Theorems im Jahr 1928 geschildert, im zweiten diejenige von Morgenstern bis zu seiner Emigration in die USA. Im dritten Teil schließlich wird die Zeit der beiden in den USA dargestellt. Dieser Teil beinhaltet das Entstehen des gemeinsamen Werks zur Spieltheorie und anschließend die Teilnahme jedes der beiden an der Analyse militärischer Strategien zu- nächst während der Endphase des Weltkrieges und dann im beginnenden Kalten Krieg. Es begann mit Schach, einem Spiel. Emil Lasker, der die ersten zwei Jahr- zehnte des 20. Jahrhunderts führende Spieler, reflektierte seine Erfahrungen aus dem Schachspiel in einem Buch, in dem explizit die Situation des Kampfes auf soziale Interaktionen und die Wirt- schaft übertragen wurde. Der Mathe- matiker Zermelo, einer der Begründer der axiomatischen Mengenlehre, be- nützte diese für eine mathematische Analyse des Schachs im Jahr 1912. Die Analyse strategischen Handelns war somit ein von den besten Mathe- matikern ihrer Zeit anerkannter Gegen- stand dieser Wissenschaft. Immerhin war Zermelo Professor in Göttingen, eines der damaligen Zentren der Ma- thematik. von Neumann – Leonard weist darauf hin, dass das Genie da- rauf Wert legte, dass das „von“ immer angeführt und auch am Anfang eines Satzes mit kleinem „v“ geschrieben wird – studierte Mathematik in Göttin- gen. Er war auch Schachspieler. Die Analyse des Schachspiels war freilich nicht nur Gegenstand der Mathematik, sondern auch der Psychologie, also der Wissenschaft von menschlichem Handeln nicht nur als Ergebnis rationa- ler Kalküle, sondern auch von Empfin- dungen und spontanen Reaktionen. Auch diese Spur zur modernen Spiel- 478 Wirtschaft und Gesellschaft 38. Jahrgang (2012), Heft 2