Russlands Geschichte aus neuer Perspektive Rezension von: Paul Bushkovitch, A Concise History of Russia, Cambridge University Press, New York 2012, 491 Seiten, broschiert, ? 19,99. Die sowjetische Historiografie war te- leologisch: Die russische Geschichte vom 10. bis zum 19. Jahrhundert war nichts als eine Vorgeschichte der Ge- schehnisse ab 1917. Und bis 1991 war Russland für viele Historiker außerhalb der Sowjetunion in erster Linie ein Land, wo versucht wurde, eine Idee – den Kommunismus – in die Tat umzu- setzen. Auch für diese Historiker war die Geschichte Russlands bis 1917 vor allem eine Vorgeschichte. Ihre Debat- ten kreisten um Fragen wie: War der Kommunismus ein Ergebnis der russi- schen Geschichte? Machte die Moder- nisierung Russlands den Umsturz von 1917 unvermeidlich? Seit 1991 ist eine Flut an Publikatio- nen zur russischen Geschichte vor und nach 1917 erschienen – Monografien und Zeitschriftenbeiträge zu den ver- schiedensten Aspekten sowie Biogra- fien, Quellensammlungen usw. –, so- wohl aus der Feder von russischen als auch von nichtrussischen Historikern. Für diese Wissenschaftler ist die russi- sche Geschichte von den Kiewer Rus bis zum Ersten Weltkrieg nicht mehr bloße Vorgeschichte, und die Epoche 1917-1991 ist nur noch eine unter vie- len anderen – wenngleich aus dem Blickwinkel des frühen 21. Jahrhun- derts eine besonders wichtige. Auch die vorliegende „Kurze Ge- schichte Russlands“, eine Veröffentli- chung im Rahmen der „Concise Histo- ries“-Reihe von CUP, spiegelt diesen Perspektivenwechsel wider: „With the end of the Soviet Union, Russian histo- ry no longer has to be the story of the unfolding of one or another idea. It has become the continuous history of a particular people in a particular place.“ (S. XVIII), schreibt der Autor Paul Bushkovitch, seit den 1970er-Jahren Professor für Geschichte an der re- nommierten Yale University in New Haven, Connecticut, im Vorwort. Bushkovitch ist Fachmann für russi- sche Geschichte und u. a. Autor von „The Merchants of Moscow, 1580- 1650“ (1980), „Religion and Society in Russia: The Sixteenth and Seven- teenth Centuries“ (1991) und „Peter the Great: The Struggle for Power, 1671-1725“ (2001). Der Autor hat es verstanden, auf 460 Seiten eine übersichtliche und gut les- bare Einführung in 1100 Jahre russi- scher Geschichte zu schreiben – eine bewundernswerte Leistung. Bushko- vitch berichtet, was bekannt ist – auf dem neuesten Stand der Forschung –, und bietet, wo immer möglich, Erklä- rungen an, fasst neue Interpretationen, die auf vormals nicht erschließbaren Quellen beruhen, zusammen. Der Ver- fasser weist freilich schon im Vorwort auf die scheinbar paradoxe Tatsache hin, dass infolge der Vielzahl von neu- en Fachpublikationen das Verstehen vor allem der sowjetischen Ära russi- scher Geschichte eher schwieriger denn einfacher geworden ist. Immer neue Fragen tauchen auf, die während des Kalten Kriegs noch gar nicht disku- tiert wurden. Vieles bleibt deswegen unerklärt. Bushkovitchs Darstellung umfasst politische, soziale, wirtschaftliche und religiöse Aspekte. Zudem befassen sich vier Spezialkapitel mit Kulturge- 490 Wirtschaft und Gesellschaft 38. Jahrgang (2012), Heft 2