schichte und auch den international bedeutenden wissenschaftlichen Leis- tungen in Russland. Schwerpunkte der „Kurzen Geschich- te" sind das 19. und das 20. Jahrhun- dert. Rund 140 Seiten sind der russi- schen Geschichte bis zum Ende des 18. Jahrhunderts gewidmet. Eine der besonderen Stärken des Bandes liegt darin, dass es in jedem Kapitel einen roten Faden gibt, den der Autor nicht verliert. Beispielsweise kon- zentrieren sich die Kapitel 17 „Compro- mise and Preparation“ und 19 „Building Utopia“ darauf, welche konkreten Um- setzungen die Ideen „Sozialismus“ bzw. „Kommunismus“ und „Diktatur des Pro- letariats“ unter den harschen externen Bedingungen (Bürgerkrieg mit auslän- discher militärischer Beteiligung bzw. Umringtsein von einer Welt von Fein- den) fanden und insbesondere welche wirtschaftspolitischen Strategien ge- wählt wurden, um das Überleben des neuen Regimes auch im Falle eines Angriffs kapitalistisch-imperialistischer Mächte, den die sowjetischen Führer bald erwarteten, zu gewährleisten. In diesen Auseinandersetzungen über wirtschaftspolitische Strategie rückte die Frage der Industrialisierung in den Mittelpunkt. Leo Trotzki und der Ökonom Jew- geni Preobraschenski vertraten den Standpunkt, dass der Landwirtschaft durch Konfiskationen und rasche Kol- lektivierung Ressourcen – Ernteerträ- ge und Arbeitskräfte – zu entziehen wären, die für eine extrem beschleu- nigte Industrialisierung verwendet wer- den sollten. Bekanntlich lehnte Stalin, seit 1922 Generalsekretär des Zentral- komitees der KP, das Konzept des zentral gesteuerten Industrialisierungs- schubs und damit die Abkehr von der „Neuen Ökonomischen Politik“ zu- nächst ab und verbündete sich zu die- sem Zweck mit Bucharin. 1927 setzten sich diese beiden in dem Konflikt durch, und Trotzki wurde nach Alma- Ata und dann ins Ausland verbannt. Die NÖP, kombiniert mit verstärkten In- vestitionen im Industriebereich, schien zu triumphieren. Doch Anfang 1928 änderte Stalin seine Meinung. Ausgelöst wurde die- ser Umschwung offenbar durch große Schwierigkeiten, die Städte mit Getrei- de zu versorgen, und daraufhin einge- leitete, erfolgreiche Getreidekonfiska- tionen im Uralgebiet und in Westsibi- rien, die er persönlich leitete (S. 324). Rasche und mit allen Mitteln durchzu- setzende Kollektivierung der Landwirt- schaft und hyperakzelerierte Industria- lisierung, das war Stalins neue Linie, die er gegen alle Widerstände durch- setzte, womit er Ende 1929 die unein- geschränkte Führung der Partei er- langte. Die Folgen sind heute bekannt: Zwangskollektivierung, Erntekonfiska- tionen und schlechtes Wetter hatten 1932 in der Ukraine, Südrussland und Kasachstan eine Hungerkatastrophe zur Folge, der zwischen fünf und sie- ben Millionen Menschen zum Opfer fie- len. Die brachial neu organisierte Landwirtschaft blieb der Schwach- punkt der sowjetischen Wirtschaft: Ende der 1930er-Jahre waren die Kol- chosen knapp in der Lage, auch jene 31% der Bevölkerung mit Getreide zu versorgen, die mittlerweile in den Städ- ten lebten. Fleisch und Milch ent- stammten überwiegend den kleinen privaten Parzellen, welche die Landbe- völkerung auch nach der Kollektivie- rung bewirtschaften durfte. Aufgrund der forcierten Industrialisierung stieg die Anzahl der ArbeiterInnen in der Sachgüterproduktion von 3,8 Mio. 1928 491 38. Jahrgang (2012), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft