659 38. Jahrgang (2012), Heft 3 Wirtschaft und Gesellschaft Fähigkeit zur Selbstkritik, zur Korrektur seiner Praxis und zur Weiterentwick- lung seines Projekts. Bürgerrechte, Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung, Demokratie und eine entwickelte, plu- ralistische Zivilgesellschaft dienen ja nicht zuletzt dem Zweck, gravierende Fehlentwicklungen korrigieren zu kön- nen. Der Westen, so Winkler in der Ein- leitung des ersten Bandes, „kann für die Verbreitung seiner Werte nichts Besseres tun, als sich selbst an sie zu halten und selbstkritisch mit seiner Ge- schichte umzugehen, die auf weiten Strecken eine Geschichte von Verstö- ßen gegen die eigenen Ideale war“ (Bd. 1, S. 24). Die wenigen westlichen Länder Eu- ropas, die ihre Unabhängigkeit auch in der Zeit der Hegemonie des national- sozialistischen Deutschland bewahren konnten, überlebten letztlich nur mit der Hilfe der außereuropäischen Staa- ten des Westens – USA, Kanada, Aus- tralien, Neuseeland – und anderer briti- scher Dominions. Winkler ist es souverän gelungen, die Epoche der Weltkriege und der Großen Depression, über die unzähli- ge Einzeldarstellungen vorliegen, un- ter dem Aspekt einer politischen Idee, nämlich des normativen Projekts des Westens, geordnet, zusammenhän- gend, anschaulich und umfassend dar- zustellen und zu analysieren. Aufgrund der klaren Gliederung und des umfang- reichen Personen- und Ortsregisters kann das Buch auch sehr gut als Nach- schlagewerk dienen. Erneut erweist sich Winkler als he- rausragender historischer Schriftstel- ler. Trotz der Dramatik der Ereignisse bleibt sein Stil immer ruhig und unauf- dringlich. Der Rezensent freut sich auf den letzten Teil dieses außergewöhnlichen Werks transnationaler Geschichts- schreibung, in dem sich Winkler mit der Weiterentwicklung des Projekts des Westens, seiner territorialen Ausbrei- tung und den neuen Herausforderun- gen in der zweiten Hälfte des 20. Jahr- hunderts auseinandersetzen wird. Martin Mailberg