aber de facto auch ohne staatliche Intervention nicht realisierbar ist. Denn auch die Bildungschancen und damit die Voraussetzungen sind sehr ungleich verteilt. Im Allgemeinen wurde aber Ungleichheit als nicht beunruhigend angesehen, solange die Märkte effizient arbeiten und alle damit mehr bekommen bzw. die VerliererInnen entschädigt wer- den. Als Ursachen für steigende Ungleichheit wurden technologischer Wandel und Globalisierung angesehen. Steigende Nachfrage nach gut ausgebildeten Arbeitskräften für die wissensbasierte Ökonomie führe zu Fachkräftemangel, was die Entgelte steigen ließe. Die Verlagerung von Produktion von Gütern und zunehmend auch Dienstleistungen in Niedriglohnländer hätte zur Folge, dass niedrig qualifizierte Personen mit Beschäftigten in Niedriglohnländern konkurrieren müssten. Die Drohung der Abwanderung bewirke Lohnzurückhaltung und damit stagnierende Verdienste im Produktionsbereich. Dies erkläre auch die steigende Ungleichheit innerhalb von Staaten. Nicht thematisiert wur- den hingegen der extreme Anstieg der Bezüge bzw. Boni im Vorstands- bereich von Konzernen, die explodierenden Boni im Finanzsektor und die Orientierung der Unternehmensführung am Shareholder Value zu Lasten der ArbeitnehmerInnenentgelte. Insgesamt führte das zu stag- nierenden Löhnen bei stark ansteigenden Einkommen für Besitz und Unternehmen. Die Steuerpolitik, die ungleiche Besteuerung von Arbeit und Kapital, verstärkte die Ungleichheit noch. Die „scheuen Rehe“ ver- steckten sich in Steueroasen. Der Diskurs hat sich mit der Finanzkrise geändert. Nur wenige bestrei- ten noch, dass Verteilungspolitik ein bedeutendes Thema in der wirt- schaftspolitischen Auseinandersetzung geworden ist, was allerdings nicht heißt, dass sie überall gern gesehen ist. Jedoch haben ökonomi- sche Arbeiten, die die steigende Ungleichheit als eine zentrale Ursache der Finanz- und Wirtschaftskrise sehen, gute Argumente geliefert. Die stagnierenden Löhne und Gehälter führten zu einer Nachfrageschwä- che, die verhaltenes Wirtschaftswachstum bedingte. Die Antwort in den USA darauf war ein überwiegend kreditfinanzierter Konsum und eine negative Sparquote der privaten Haushalte. Einige Länder reagierten gar nicht auf die Binnennachfrageschwäche und versuchten die Expor- te auf immer höhere Rekordmarken zu bringen, was die Handelsbilanz- ungleichgewichte zwischen den Staaten bedrohlich erhöhte. Auf der anderen Seite führte die zunehmende Konzentration von Einkommen und Vermögen dazu, dass die Spekulation zunahm, weil die Reichen ihre Gelder auf den Finanzmärkten, auch mangels attraktiver realwirt- schaftlicher Alternativen, zunehmend risikofreudiger veranlagten und ständig neue Finanzprodukte kreiert wurden. Auch das erhöhte die Vo- latilität der Finanzmärkte weiter und birgt eine anhaltende Gefahr von Blasenbildungen. 117 39. Jahrgang (2013), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft