Doch inzwischen ist eine Mehrheit der Staaten davon überzeugt, Steuersünder und -betrüger aufzudecken und Steueroasen den Kampf anzusagen. Der Druck der USA für ein Abkommen über einen automati- schen Informationsaustausch (FATCA) führte auch innerhalb der EU zum Beschluss, gegen die Steueroasen entschiedener vorzugehen. Der EU-Steuerkommissar berechnete, dass jährlich über 1.000 Mrd. Euro (rund 7% des BIP) durch Steuerhinterziehung, Steuerflucht und legale Steuervermeidungstricks den Mitgliedstaaten entgeht. Er will neben dem internationalen Informationsaustausch eine EU- Bemessungsgrundlage für große, multinationale Unternehmen ver- pflichtend verankern. Denn damit würde es sich für Konzerne nicht mehr lohnen, Gewinne in die Staaten mit den besten Abschreibungs- möglichkeiten zu verlagern. Auch gibt es ein Bündnis von elf Staaten, die durch eine verstärkte Zusammenarbeit eine Finanztransaktions- steuer in der EU einführen wollen. Da neuere Zahlen, wie u. a. eingangs beschrieben, bei einer genaue- ren Betrachtung ebenfalls eine Zunahme von Ungleichheit zeigen, wurde jedoch mancherseits begonnen, die Wissenschaftlichkeit von Daten, Indikatoren oder Aussagen anzuzweifeln. So entfachte eine durchgesickerte Vorabversion des 4. Deutschen Armuts- und Reich- tumsberichts in Deutschland die Diskussion, ob die Armut nun steigen oder fallen würde. „Vor allem aber kritisieren viele Experten diese Definition von Armut. Hans-Werner Sinn, Chef des ifo Instituts, bezeichnete sie schon einmal als ‚bedarfsgewichteten Käse‘. Der Berliner Politikwissenschaftler Klaus Schroeder moniert, dass nicht unterschieden werde, ob jemand mit 1.000 Euro im Monat in München zurechtkommen müsse oder ir- gendwo auf dem Land in Mecklenburg-Vorpommern. Und der Dort- munder Statistikexperte Walter Krämer kürte gemeinsam mit zwei an- deren Professoren solche Armutszahlen kürzlich sogar zur ‚Unstatistik des Monats‘ (…)“ (Rudzio [2012]). In Österreich entstand eine ähnlich gelagerte Diskussion, als auf- grund neuer Daten der Statistik Austria ein Anstieg von Armut, aber nicht von Armutsgefährdung in Diskussion kam. Rolf Gleissner, Sozial- experte der Wirtschaftskammer, schrieb unter der Überschrift „Statistik als Armutsrisiko“ in einem Zeitungskommentar: „2008 sprang die Zahl der manifest Armen von 355.000 auf 511.000 Personen. Grund war aber nicht die Krise, sondern wiederum die Sta- tistik: Die Statistik Austria ging von der EU-Definition ab und ‚lockerte‘ die Armutskriterien für Österreich, sodass mehr Menschen die Kriterien erfüllten und die Zahl der Armen statistisch plötzlich stieg.“ Einen weiteren Versuche startete der Publizist Michael Hörl in „Die Presse“: „Da die ‚manifest Armen nach EU-Definition‘ seit Jahren bei 119 39. Jahrgang (2013), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft