3. Arbeitsmarktwirkungen der Sonderregelungen für geringfügig Beschäftigte Die angeführten Daten zeigen in aller Deutlichkeit, dass die geringfügige Beschäftigung zahlenmäßig laufend an Bedeutung gewinnt. Die mit 1.1.1998 in Kraft getretene Reform hat den Trend in diese Richtung be- stenfalls gemildert, keineswegs aber gestoppt. Die nur bis Dezember 1999 reichende Untersuchung von Stagel/Ban- nert (2002) hat gezeigt, dass sich die Zunahme dieser Beschäftigungs- form in den Jahren 1998 und 1999 im Wesentlichen in Betrieben mit maxi- mal zwei geringfügig Beschäftigten18 ereignet hat. In den letzten Jahren hat sich das deutlich verschoben. Im Zeitraum zwischen 2004 und 2011 ist bei den geringfügigen Beschäftigungsverhältnissen ein Zuwachs von 38% zu verzeichnen, bei den Einnahmen aus der Dienstgeberabgabe gab es im gleichen Zeitraum hingegen einen Zuwachs von 97%. Das belegt, dass in beträchtlich steigendem Ausmaß von der Möglichkeit Gebrauch ge- macht wird, mehrere geringfügig Beschäftigte einzustellen und damit ten- denziell vollversicherte Arbeitsverhältnisse zu ersetzen.19 Die Ausbreitung der geringfügigen Beschäftigung scheint daher – weniger als das früher der Fall war – aus dem Kostenvorteil zu resultieren, der sich für Arbeitge- berInnen ergibt, wenn sie keine Dienstnehmerabgabe zu zahlen haben. Dass die Zahl der geringfügigen Beschäftigungsverhältnisse trotzdem stärker ansteigt als die Zahl der versicherungspflichtigen Beschäftigungs- verhältnisse, dürfte vor allem an der flexibleren Einsatzmöglichkeit Gering- fügiger liegen. Diese Vermutung wird vor allem durch die hohen Zahlen an geringfügig Beschäftigten in Branchen wie Handel und Gastgewerbe ge- stützt. Im Gastgewerbe waren 2012 ein Viertel der Beschäftigten geringfü- gig beschäftigt, im Handel waren es 10%. In beiden Branchen besteht zu- sätzlich die begründete Vermutung, dass ArbeitnehmerInnen zu einem beträchtlichen Anteil falsch (zu niedrig) bei der Sozialversicherung ange- meldet werden.20 Ein weiterer Grund für die starke Verbreitung dürften nach wie vor beste- hende Kostenvorteile sein (z. B. kein Beitrag zur Arbeitslosenversiche- rung). Neben diesen Punkten und den Präferenzen der Wirtschaft nach mög- lichst flexiblem Einsatz von Arbeitskräften deutet einiges darauf hin, dass auch der materielle Druck (bei Studierenden, bei Sozialleistungsempfän- gerInnen, bei „working poor“ etc.) in vielen Fällen eine Rolle spielt. Auswir- kungen auf die Entwicklung der geringfügigen Beschäftigung haben nicht nur unmittelbar auf diese Beschäftigungsform bezogene Regelungen, sondern auch das soziale und ökonomische Umfeld, in das der Arbeits- markt jeweils eingebettet ist. 204 Wirtschaft und Gesellschaft 39. Jahrgang (2013), Heft 2