muss: Ein Vor- oder Nachwort, eine neu geschriebene Einleitung oder ähn- liches, in dem auf die Unterschiede zur ersten Auflage oder die neueren Ent- wicklungen hingewiesen würde, sucht man jedoch vergebens. Das ist ärger- lich und völlig unnötig, denn tatsächlich hat Davidson viele neueren Entwick- lungen zur Kenntnis genommen und verarbeitet: Ein neues Kapitel 9 „Finan- cial markets, fast exits and great de- pressions and recessions“ geht auf die Deregulierung der Finanzmärkte, das Problem des „Shadow banking“ und die resultierenden Instabilitätsrisiken der überbordenden Verschuldung der privaten Haushalte in den USA ein. Mit offensichtlicher Genugtuung zitiert Da- vidson dort eine eigene Äußerung aus dem Jahr 2004, in der er die ungeheu- ren Risiken und das gigantische Kri- senpotenzial im Finanzsystem korrekt beschrieb. Aber auch sonst sind über- all im gesamten Buch an vielen Stellen Aktualisierungen vorgenommen und ist neuere Literatur verarbeitet worden. Davidson erweist sich im gesamten Buch als hervorragender Interpret Key- nes’, dem es wirklich gelingt, zentrale Botschaften von Keynes und vor allem die zentralen Unterschiede zur Main- stream-Ökonomie herauszuarbeiten. Allein schon die Lektüre des zweiten Kapitels „The essential difference bet- ween the general theory and the classi- cal system“ ist – gerade für Studieren- de oder PraktikerInnen, die im Main- stream ausgebildet wurden – eine Of- fenbarung. Davidson zeigt anschaulich und schlüssig, warum Keynes seine Theorie als die allgemeine Theorie, die die klassische als Spezialfall enthält, auffasste, und warum die in den Main- stream-Lehrbüchern übliche Auffas- sung, die die Keynes’sche Theorie zu Spezialfällen in einem ansonsten neo- klassisch geprägten System degra- diert, unzutreffend ist. Äußerst hilfreich für ein tieferes Verständnis ist der in den folgenden Kapiteln detaillierter he- rausgearbeitete Versuch einer axioma- tischen Fundierung des Keynes’schen Ansatzes, wodurch dieser gegenüber dem ebenfalls axiomatisch operieren- den Mainstream besser abgegrenzt und gleichzeitig potenziell aufgewertet werden kann. Nach Davidson ist der Mainstream durch drei Axiome charakterisiert, die von Keynes explizit verworfen wurden: die Neutralität des Geldes, das Substi- tutionsaxiom, wonach letztlich alles und jedes durch andere Dinge substi- tuiert werden kann, und das Ergodizi- tätsaxiom, wonach die Zukunft grund- sätzlich auf Basis vergangener Erfah- rungen und aktueller Daten vorhersag- bar ist. Dem stellt Davidson fünf wesentliche Eigenschaften gegenüber, durch die aus Keynes’scher Sicht die Wirklichkeit geprägt sei (S. 17ff): 1. die kurz- wie langfristige Nicht-Neutralität des Gel- des; 2. Nicht-Ergodizität, d. h. die auch im wahrscheinlichkeitstheoretischen Sinne nicht vorhersehbare Zukunft und damit fundamentale Unsicherheit, mit der die Wirtschaftssubjekte konfron- tiert sind; 3. die Verwendung von Geld als allgemeinem Zahlungsmittel zur Er- füllung vertraglicher Verpflichtungen; 4. die beiden besonderen Elastizitäts- eigenschaften von Geld, nämlich die Produktionselastizität von null und die Substitutionselastizität gegenüber pro- duzierbaren Gütern von null; 5. Ar- beitslosigkeit als Normalfall in einer ka- pitalistischen Geldökonomie und Voll- beschäftigung als unwahrscheinlicher Spezialfall: Die Wirtschaftssubjekte halten rationalerweise Geld (Liquidi- tät), um angesichts von fundamentaler 255 39. Jahrgang (2013), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft