Keynes für Gleichgewichtsfreaks Rezension von: Roger E.A. Farmer, How the Economy Works – Confidence, Crashes and Self-fulfilling Prophecies, Oxford University Press, London 2010, 193 Seiten, gebunden, ? 14,99. ISBN 978-0-195-39791-8. Ders., Expectations, Employment and Prices, Oxford University Press, London 2010, 189 Seiten, gebunden, ? 32,50. ISBN 978-0-195-39790-1. Eines der zahlreichen Aperçus von Mark Twain eignet sich hervorragend als Einstieg (und Abschluss) für die Be- sprechung der beiden, kürzlich er- schienenen Bücher von Roger E. A. Farmer: „History doesn’t repeat itself, but it does rhyme.“ Beide Monographien – „How the Economy Works – Confidence, Cras- hes and Self-fulfilling Prophecies“ (HEW) und „Expectations, Employ- ment and Prices“ (EEP), erschienen 2010 bei Oxford University Press1 – nehmen zwar, wie die mittlerweile un- übersehbar gewordenen (und zumeist unselig platten) „Krisen-Publis“, direk- ten Bezug auf die aktuellen, äußerst unerfreulichen Geschehnisse auf den Finanzmärkten, sie nehmen aber auch, erfreulicherweise, einen weiten Blick zurück in die Wirtschafts(theorie)ge- schichte (bis zur Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre und darüber hinaus) und – noch erfreulicher – einen weiten Blick nach vorn in die hoffentlich fröhli- chere (Theorie)Zukunft. „Damals“ wie „jetzt“ werten marktkri- tische Ökonomen z. B. den Zusam- menbruch von Finanzmärkten als Be- stätigung ihrer Vorbehalte gegenüber einer uneingeschränkten Marktgläu- bigkeit. Sie propagieren daher hartnä- ckig als Lösung „mehr Staat und weni- ger Markt“. Wirtschaftsliberal geprägte (neoklassische) Ökonomen bewerten Finanzmarktkrisen hingegen zumeist als Bestätigung ihrer Skepsis gegen- über direkten wirtschaftspolitischen Eingriffen in komplexe Marktabläufe. Sie sehen z. B. nicht in der vermeintli- chen Deregulierung der Finanzmärkte die zentrale Ursache für die gegenwär- tige Krise, sondern in der strukturellen Unfähigkeit der wirtschaftspolitisch Verantwortlichen, den – auch aus „marktwirtschaftlicher Sicht“ sehr man- gelhaft funktionierenden – Finanz- marktsektor effizient bzw. marktwirt- schaftskonform zu regulieren. Die ge- samtwirtschaftlich äußerst fragwürdige staatliche Regulierung des Banken- sektors verursachte daher ihrer Mei- nung nach die jüngste Finanzmarktkri- se und nicht „Marktineffizienz per se“. Folgerichtig erwarten sie von „mehr Markt bzw. effizienterem Marktdesign, und weniger Staat bzw. weniger Big (Bank) Business“ bessere gesamtwirt- schaftliche Lösungen als von der um- gekehrten Botschaft. Diese unterschiedlichen, scheinbar unvereinbaren Sichtweisen ein und derselben Ereignisse prägen und läh- men den wissenschaftlichen und politi- schen Diskurs seit den 30er-Jahren des vorigen Jahrhunderts, als die erste weltumfassende Wirtschaftskrise die (klassischen) Grundlagen von Wirt- schaftstheorie und Wirtschaftspolitik erschütterte. Die meisten „Krisen- Publizisten“ nützen seither das Span- nungsfeld zwischen diesen beiden Po- len als scheinbar unerschöpfliche Energiequelle für ihre „eristisch- dialektischen Botschaften“ und Ver- dammungsformeln. Nur ganz wenige 258 Wirtschaft und Gesellschaft 39. Jahrgang (2013), Heft 2