postuliert. Das Verhältnis der Smith’schen Ethik zum „Wealth of Na- tions“ ist nicht einfach zu bestimmen, von manchen Autoren wurde ein Bruch zwischen den beiden Hauptwerken Smiths konstatiert.2 Zwar ist die Moral- lehre der TMS nicht als notwendige Fundierung des WN anzusehen, steht aber auch nicht im Widerspruch dazu (S. 37). Die Verfolgung seines Eigenin- teresses durch das Individuum ist zweifellos ein zentrales Motiv mensch- lichen Handelns im WN, jedoch be- nützt Smith „sowohl im WN als auch in der TMS ein reiches Repertoire an Hy- pothesen über Motive, psychologische Bewertungsmechanismen, kognitive Beschränkungen und Verzerrungen“ (S. 61). Ein Problem, das den Gesellschafts- theoretiker und Ethiker Smith in vielfa- chem Kontext beschäftigte, war jenes der nichtintendierten Konsequenzen menschlichen Handelns. Unter morali- schen Gesichtspunkten war seine Theorie der unsichtbaren Hand im Kontext seiner neuen Theorie der wirt- schaftlichen Entwicklung eine positive Alternative zu der von Smith abgelehn- ten These Mandevilles, wonach Gier, Hinterlist und Verschwendung gesamt- wirtschaftlich vorteilhaft seien. Aber deswegen „gilt keineswegs immer …, dass die Verfolgung des Eigeninteres- ses das Gemeinwohl befördert“ (S. 43). Die fundamentale Einsicht, dass im- mer mit nichtintendierten Folgen des individuellen oder kollektiven Handelns gerechnet werden muss, liegt auch dem pragmatischen Politikverständnis Smiths zugrunde. Grundsätzlich plä- dierte Smith für ein Wirtschaftssystem der „natürlichen Freiheit“ des Marktes und des Wettbewerbs als Alternative zum herrschenden Merkantilismus, den er „Kommerzsystem“ nannte. „Dass Smith zum zentralen Protago- nisten des ökonomischen Liberalismus wurde, hängt damit zusammen, dass er schonungslose Kritik des herrschen- den Merkantilsystems und der herr- schenden Klassen mit zeitgemäßen konstruktiven Perspektiven zu verbin- den weiß“ (S. 36). In seinen Positionen zu einzelnen konkreten Probleme der damaligen Wirtschaftspolitik sehen Kurz und Sturn Smith als „gemäßigten Reformisten“, und nicht als Befürworter radikaler Big Bang-Reformen (S. 43). Deshalb hielt Smith temporäre Abwei- chungen vom Freihandelsprinzip oder von der Gewerbefreiheit dann für zu- lässig, wenn dadurch negative Auswir- kungen von Anpassungsprozessen gemildert werden könnten. Der Hauptteil der Monografie ist der Darstellung von Smiths theoretischem Lehrgebäude gewidmet. Ausführlich wird auf die Werttheorie eingegangen. Die Autoren zeigen, dass Smiths Ar- beitswerttheorie als Antizipation der späteren Ricardo’schen Surplustheo- rie der Reduktion der Preise auf datier- te Arbeitsmengen interpretiert werden kann. Smith greift allerdings an ande- ren Stellen wieder auf eine „naive“ Ar- beitswerterklärung zurück, was nicht zuletzt auch darin seinen Grund hat, dass er seine Theorie im Kontext der empirischen Realität expliziert und nicht wie Ricardo und dessen Nachfol- ger von dieser modellhaft von der Rea- lität abstrahiert. Aufgezeigt werden auch andere Schwachstellen von Smiths Theoriegebäude, etwa am Bei- spiel seiner Geldtheorie, der Grundren- tentheorie oder der Theorie des ten- denziellen Falls der Profitrate. Besondere Bewunderung – trotz ih- rer Beschränkungen – wird der Wachs- tums- und Entwicklungstheorie Smiths zuteil, die leider durch die später zu- 267 39. Jahrgang (2013), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft