nehmende Fixierung der ökonomi- schen Wissenschaft auf Gleichge- wichtszustände nicht die ihr zukom- mende Wirksamkeit erlangt hat. Die Beseitigung von Monopolen und die Lenkung der Ressourcen in ihre pro- duktivsten Verwendungen durch die Konkurrenz führen im Smith’schen System zu einer investiven Verwen- dung der Überschüsse, wodurch es langfristig zu einer Zunahme der Ge- samtproduktion insgesamt und pro Kopf kommt, was wiederum eine konti- nuierliche Steigerung des Lebensstan- dards ermöglicht. Entscheidend ist, dass die Überschüsse der unprodukti- ven Verwendung durch die Bezieher von Grundrenten und Staatspfründen entzogen und der Verbesserung des Bodens und der Ausweitung der ge- werblichen Produktionskapazitäten zu- geführt werden. Smith erwartete als Folge einer steigenden Nachfrage nach produktiv eingesetzten Arbeitern auch einen Anstieg der Reallöhne, dem er eine positive Anreizwirkung auf das Wachstum zuschrieb. Deswegen kritisiert er scharf die Praxis der Arbeit- geber, Absprachen gegen Lohnforde- rungen zu treffen, und die Benachteili- gung der Arbeiter durch gesetzliche Organisationsverbote. Konsequenter- weise weist Smith der Ordnungspolitik eine aktive Aufgabe bei der Beseiti- gung von Macht- und Informations- asymmetrien zu. Ex post betrachtet erscheint der Opti- mismus Smiths bezüglich der Diffusion des Wohlstandes in die Arbeiterklasse verfrüht, da die Industrielle Revolution zum Zeitpunkt des Erscheinens von WN noch kaum begonnen hatte und die arbeitssparenden Wirkungen der „großen Maschinerie“, die Ricardo eini- ge Jahrzehnte später intensiv beschäf- tigen sollte, für ihn noch nicht erkenn- bar waren. Zu optimistisch ist auch sei- ne Annahme eines unproblematischen Gleichgewichts zwischen Sparen und Investieren. Kaum nachvollziehbar – selbst aus damaliger Sicht – ist Smiths starke Präferenz für die Bodenverbes- serung als Ziel der Investitionen, bei gleichzeitiger Unterschätzung des Wachstumspotenzials des Gewerbes, obwohl Smith auf die produktivitätsstei- gernde Wirkung der zunehmenden Ar- beitsteilung mit Nachdruck hingewie- sen hat.3 Diese und andere Fehleinschätzun- gen wiegen allerdings wenig gegen- über dem grundlegenden Erkenntnis- fortschritt des Smith’schen Theoriege- bäudes, dessen Ansatz „allgemein ge- nug [ist], um das neu heraufkommende Zeitalter von Kohle und Eisen analy- tisch zu durchdringen … Es bestätigt sich aufs Neue: Die Beiträge großer Ökonomen enthalten mehr an Einsich- ten und Anwendungsmöglichkeiten, als diesen selbst bewusst ist“ (S. 114). Gegen falsche Vereinnahmungen Smiths weisen Kurz und Sturn darauf hin, dass Smith ein „Evolutionsöko- nom“ ist. Seine „hauptsächliche analy- tische Kategorie ist der Prozess, nicht das Gleichgewicht“ (S. 172). Schon aus diesem Grund ist es unzulässig, Smiths Begriffe von Wettbewerb und Markt mit der späteren neoklassischen Konzeption des „vollkommenen Wett- bewerbs“ gleichzusetzen (S. 102). Die neue Monografie behandelt wei- ters die Verteilungstheorie Smiths, sei- ne Aussagen zu Staatstätigkeit und Besteuerung, seine Version der Uni- versalgeschichte seit dem Ende des Römischen Reiches, und – in sehr komprimierter Form – seine Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte. Den Ab- schluss bildet der gelungene Versuch einer spekulativen Rekonstruktion, 268 Wirtschaft und Gesellschaft 39. Jahrgang (2013), Heft 2