Adam Smith – ein Markt- fundamentalist? Rezension von: Reinhard Blomert, Smiths Reise nach Frankreich oder die Entstehung der Nationalökonomie, Die andere Bibliothek, Berlin 2012, 310 Seiten, gebunden, D 35. ISBN 978-3-847-70335-8. „Es geht in dem folgenden Essay um nichts weniger als um die Korrektur ei- nes seit dem neunzehnten Jahrhun- dert verzerrten Bilds von Adam Smith, als man den berühmten schottischen Moralphilosophen zum Urvater eines radikal-darwinistischen Marktverständ- nisses erklärte.“ Dies stellt Reinhard Blomert auf Seite 7 des vorliegenden Bändchens in Aussicht. Ist der Versuch gelungen? Nun, er ist durchaus gelungen, jedenfalls wenn wir einen deutlich breiteren Referenz- rahmen anlegen, als er in Blomerts ein- leitend-programmatischer Absichtser- klärung zum Ausdruck kommt – und wenn wir auch jene Ansprüche an den Text etwas diskontieren, welche der Untertitel nahelegen könnte. Denn was sind die inhaltlichen Stärken des gefäl- lig geschriebenen, bibliophil aufge- machten und in nummerierter Edition erschienenen Leinenbändchens? Vor allem skizziert der Autor mit eini- ger Umsicht, welch widerspruchsvolle Übergangszeit Smiths 18. Jahrhundert war. In Blomerts Skizze prägen beson- ders deutlich drei Aspekte die Szene- rie: Erstens die große europäische Po- litik, nicht zuletzt die Rivalität zwischen Frankreich und Großbritannien, die schon auf andere Kontinente übergriff, insbesondere auf Nordamerika. Zwei- tens die Widersprüche und Wechsel- fälle des französischen Absolutismus und seines kulturellen Milieus zwi- schen Krisenerscheinungen und Re- formeifer, zwischen Bigotterie und Auf- klärung, zwischen höfisch geprägten Herrschaftsstrukturen, den Salons und der Entwicklung des Dritten Standes. Diese Widersprüche arbeitet Blomert drittens auch anhand (ideen)ge- schichtlich bedeutender Figuren wie vor allem Voltaires heraus, dessen Le- ben und Wirken plastisch geschildert wird. Auch führende physiokratische économistes wie Quesnay und Turgot werden uns nähergebracht. Adam Smith schätzte Voltaire (den er auf seiner Frankreich-Reise traf) be- kanntlich sehr, trotz aller Unterschiede in Temperament und theoretischer Perspektive. Die französischen Phy- siokraten waren für ihn im Zuge der Ar- beit am „Wealth of Nations“ zweifellos von großer Bedeutung. Und Smith in Bezug zur Geschichte Frankreichs des 18. Jahrhunderts zu setzen, führt uns trefflich vor Augen, dass Smith keine Lokalgröße, sondern ein Denker von europäischem Format war. All dies referiert Blomert in lockerem Erzählton, eingeflochten in die Story von Smiths Frankreich-Reise (1763- 1765), welche diesen als Tutor des jun- gen Herzogs von Buccleuch nach Tou- louse, Genf und in die intellektuellen Salons von Paris führte. Diese Art der Darstellung führt natürlich zu einem Bild, das in Hinblick auf seine Tiefen- schärfe nicht mit jenem zu vergleichen ist, das etwa Donald Winch seit Jahr- zehnten von den Bezügen Smiths zum britischen 18. Jahrhundert zeichnet. Dies gilt auch für die im einleitenden Zi- tat angekündigte Neuinterpretation Smiths, welche der im 19. Jahrhundert aufgekommenen Perspektivierung 270 Wirtschaft und Gesellschaft 39. Jahrgang (2013), Heft 2