Tatsächlich ist es diese Auseinan- dersetzung mit den „Gutmenschen“ (vor allem mit den Anhängern Ador- nos) und ihren politischen Anschaun- gen bezüglich der Minderheitenfrage, die das Buch treiben – eine Auseinan- dersetzung, die Robert Schediwy (in der Literatur nachzulesen) schon seit den Siebzigerjahren führt. Nicht die konkreten Maßnahmen sind so sehr sein Erkenntnisziel, als der richtige em- pirisch-kritische Denkstil, mit dem das Minderheitenproblem zu betrachten und zu lösen ist. Nichtsdestoweniger gibt es im „Aus- blick“ doch eine Reihe konkreter politi- scher Vorschläge. Interessant scheint die Forderung nach einer Haltungsän- derung der EU, die in Sachen der wirt- schaftlichen Integration islamischer Länder und der damit verbundenen Wanderungsbewegungen klarere Ab- grenzungen schaffen möge. Es ginge hier eben nicht um die Bekräftigung ei- nes überholten Begriffes des christli- chen Abendlandes, sondern um die Garantie der Werte einer sekulären, laizistischen Gesellschaft, die den christlichen so wie jeden anderen Fun- damentalismus hinter sich ließe. Ge- schähe dies nicht, dann sehen die Au- toren ein „furchtbares Konflikt- und Progromszenario“, das, wie schon in den 1930er-Jahren, evident machen würde, dass auch Kulturvölker der Bar- barei fähig sind. Im Gegensatz zu Thilo Sarazzin et al. fürchten sich die Autoren also nicht so sehr vor der „Umvolkung“ selbst, son- dern ganz im Gegenteil vor der zuvor erwartbaren Barbarei des Mehrheits- volkes. Verantwortliches Handeln ist in diesem Zusammenhang weniger der Schutz der Mehrheit vor der Minder- heit, sondern der Mehrheit vor sich selbst (der eigenen Neigung zum Po- grom) durch eine auf die lange Frist ausgerichtete realistische Minderhei- tenpolitik. Ein wichtiger Teil des Buches ist ei- nem weltweiten historischen Überblick über Minderheiten und Minderheiten- probleme gewidmet. Obwohl locker, ja beinahe feuilletonistisch geschrieben, bietet dies so viel Erkenntnisgewinn, dass die Lektüre des Buches schon al- lein deshalb lohnend ist. Der Überblick wird in der Tradition des Max Weber- schen Wissenschaftsprogramms an- geboten, um anhand vieler Beispiele die konkreten empirischen Gegeben- heiten aufzuzeigen, welche aus Min- derheits-Mehrheits-Situationen ein Problem machen. Es ist die Existenz dieser Probleme selbst, aber auch die von den Autoren diagnostizierte Über- forderung des Menschen, solche Pro- bleme jenseits einer bestimmten Band- breite ausschließlich in moralischen Kategorien zu begreifen und zu lösen, welche eine realistische Herangehens- weise erfordert. Individualethisch be- deutet dies keine Absolution für indivi- duell unethisches Verhalten, politisch aber die Notwendigkeit, auf Basis ei- nes realistischen Menschenbildes die moralischen Herausforderungen an den Menschen nicht zu überdehnen (sie innerhalb der erwähnten Bandbrei- te zu halten). Ein wenig dürften Kramer und Sche- diwy aber ihrem Glauben an die kon- fliktmildernde Wirkung einer Strategie der „Verlangsamung“ von Migrations- prozessen und vor allem einer geziel- ten Assimilierung selbst misstrauen. In einem Kapitel „Sonderfall Holocaust“ diskutieren sie den offenbaren Wider- spruch, dass die entsetzlichste Ver- nichtung einer Minderheit gerade den Juden widerfuhr, also jener Minderheit, die sich besonders stark assimilierte. 278 Wirtschaft und Gesellschaft 39. Jahrgang (2013), Heft 2