Reich bleiben in Österreich Pirmin Fessler, Martin Schürz1 1. Einleitung Öffentliche Debatten zur Erbschaftssteuer verfehlen vielfach die Fakten des Erbgeschehens. Teils dominieren schlicht interessengeleitete Ideolo- geme von Eliten, und teils resultiert die Faktenferne aus einer schlechten Datenlage, die ihrerseits den Interessen der Mächtigen entspricht.2 Die Vererbung von Vermögen ist entscheidend für die Reproduktion so- zialer Ungleichheit. Bekannt ist, dass Erbschaften sehr ungleich verteilt sind und dass Erbschaftssteuern, wenn es sie noch gibt, nur eine vermö- gende Minderheit und diese in sehr eingeschränktem Ausmaß betreffen, da sie zumeist hohe Freibeträge vorsehen. Die gesellschaftspolitische Debatte zu Erbschaftssteuern in Österreich bleibt bislang eingeengt auf zwei Fragen: Wer wäre von einer Erbschafts- steuer betroffen, und wie hoch wäre ihr Aufkommen? Diese beiden Fragen verdrängen fundamentalere Themen, die in diesem Artikel besprochen werden sollen: ? Erben und Gerechtigkeitsfragen: Vererbungen sind verbunden mit nor- mativen Gerechtigkeitsfragen. In der modernen bürgerlichen Gesell- schaft bildet sich ein individualistischer Eigentumsbegriff heraus. Erb- schaften laufen aber einem individuellen Leistungsprinzip zuwider.3 Oft wird in Erbschaftssteuerdebatten die Frage der Gerechtigkeit nur gestreift, und es wird verabsäumt, die eigene normative Perspektive auszuweisen. Erst diese würde erlauben, Vermögenstransfers als Steuerquelle zu legitimieren. Stattdessen wird populistisch argumen- tiert, dass ohnedies fast niemand von der Steuer betroffen wäre. Aus einer Gerechtigkeitsperspektive wäre eine Erbschaftssteuer aber all- gemein zu begründen und nicht opportunistisch über eine geringe Be- troffenheit zu propagieren. ? Erben und Ungleichheit: Viel wird zu steigender oder sinkender Un- gleichheit in der Gesellschaft gemutmaßt. Wenig wird die begrenzte Aussagefähigkeit von statistischen Ungleichheitsmaßzahlen beach- tet. So können Erbschaften statistisch die Ungleichheit – gemessen an den üblichen relativen Ungleichheitsmaßen wie etwa dem Gini-Ko- effizienten – durchaus reduzieren, da die kleinen Erbschaften der 343 39. Jahrgang (2013), Heft 3 Wirtschaft und Gesellschaft