gen über die Erwartungen anderer Ak- teure, also den für spekulative Vermö- gensmärkte charakteristischen Her- dentrieb. John Maynard Keynes warnte schon in den 1930er-Jahren eindringlich vor einem zu großen Finanzmarkt, der die realwirtschaftliche Entwicklung zu ei- nem Spielball der Spekulation verküm- mern lässt. Insgesamt resultiert aus diesen Theorieelementen die zentrale Keynes’sche Erkenntnis, dass eine Marktwirtschaft leicht in ein Unterbe- schäftigungsgleichgewicht gelangen kann, aus der die Marktkräfte selbst nicht wieder herausführen können, sondern nur ein entschiedener Impuls der Budget- und Geldpolitik. Kromp- hardt gelingt es, wichtige Elemente der „General Theory“ auch für den wirt- schaftspolitisch interessierten Laien verständlich darzustellen. Er ver- schweigt auch die Mängel der theoreti- schen Analyse nicht, etwa wenn er das Fehlen einer fundierten Untersuchung der Determinanten des Arbeitskräfte- angebots beklagt. Keynes’ Hauptwerk löste eine inten- sive Debatte in der Fachwelt und der Wirtschaftspolitik aus, an der Keynes selbst sich aufgrund zunehmender ge- sundheitlicher Probleme nur sehr ein- geschränkt beteiligen konnte. Seine Herzkrankheit hinderte Keynes aller- dings nicht daran, sich mit den mit Aus- bruch des Zweiten Weltkrieges entste- henden, völlig neuen ökonomischen Problemen auseinanderzusetzen. Kromphardt beschreibt den Rollen- wechsel Keynes’ vom heftigen Kritiker von Wirtschaftspolitik und -theorie zu einem gefragten Vordenker und Ge- stalter in vielen Kommissionen und Verhandlungen. Dabei setzte sich Key- nes mit neuen Fragen auseinander: „How to Pay for the War“ (1940), der Fi- nanzierung der kriegswichtigen Impor- te Großbritanniens durch die USA (Verhandlungen über den Lend Lease Act 1941), der Erarbeitung der „Propo- sals for an International Clearing Union“ (1941, 1942), die die Grundlage für die Verhandlungen über die Schaf- fung einer Weltwährungsordnung in Bretton Woods bildeten, dem „Long- term Problem of Full Employment“ (1943), in der er sich mit der langen Frist und der Wirkung drohender Nach- frageschwäche auf die Beschäftigung auseinandersetzte, oder den Zah- lungsbilanzproblemen Großbritan- niens nach dem Krieg. In Bezug auf die letzte Frage lehnte es Keynes vehe- ment ab, das Leistungsbilanzdefizit Großbritanniens durch eine einseitige Restriktionspolitik verbunden mit hoher Arbeitslosigkeit zu lösen, auch weil er befürchtete, eine solche Politik könnte zu einem Zusammenbruch des de- mokratischen Regierungssystems füh- ren. Im letzten Kapitel seines Buches be- schreibt Jürgen Kromphardt die Aus- einandersetzung mit dem Werk nach dem Tod von Keynes im Jahr 1946. Zu- nächst die Vereinnahmung der Key- nes’schen Theorie in der Neoklassi- schen Synthese durch Hicks und Modi- gliani, dann die Gegenrevolution durch Monetarismus (Friedman) und Ange- botspolitik (Lucas u. a.), deren Weiter- entwicklung absurderweise unter dem Titel „Neue keynesianische Makroöko- nomie“ (Mankiw) erfolgte. Schließlich aber auch die Rückbesinnung auf Key- nes in den verschiedenen Strömungen des Postkeynesianismus. Die Finanz- krise mit ihren Parallelen zu den 1930er-Jahren führt zur Publikation zahlreicher Sammelbände über das Werk von Keynes und zur Neuheraus- gabe der „General Theory“ durch Jür- 423 39. Jahrgang (2013), Heft 3 Wirtschaft und Gesellschaft