Der Siegeszug des Liberalismus im 19. Jahrhundert Rezension von: Immanuel Wallerstein, Der Siegeszug des Liberalismus (1789-1914). Das moderne Welt- system IV, Promedia Verlag, Wien 2012, 416 Seiten, broschiert, D 29,90. ISBN 978-3-853-71347-1. Dieses Buch ist der lang erwartete vierte Band der Geschichte des moder- nen Weltsystems. Mit ihr hat der Autor eine Wegmarke in der Globalge- schichtsschreibung gesetzt. Jeder Band kann für sich gelesen werden. Zusammengefügt entsteht ein Panora- mabild der Herausbildung des kapita- listischen Weltsystems im langen 16. Jahrhundert (Band I), der Konsolidie- rung der Weltwirtschaft unter nieder- ländischer Vorherrschaft im 17. Jahr- hundert (Band II), der weiteren wirt- schaftlichen und räumlichen Auswei- tung im 18. und frühen 19. Jahrhundert (Band III) sowie der Herausbildung ei- ner Geokultur für das Weltsystem im 19. Jahrhundert (Band IV). Im vorliegenden Band hat sich der Autor auf das konzentriert, was im lan- gen 19. Jahrhundert neu war. Dieses neue Phänomen nennt er den „Sieges- zug des zentristischen Liberalismus“. Natürlich ist der Autor nicht der erste, der die Stärke des Liberalismus als Ideologie im 19. Jahrhundert betont, aber seine Herangehensweise an die- se Frage unterscheidet sich jedoch et- was von der anderer Wissenschaftler. Dazu war es unter anderem notwen- dig, die schwierige Begriffsgeschichte des Wortes „Liberalismus“ nachzu- zeichnen und die Verwirrung seiner mehrdeutigen Verwendung aufzulö- sen, die einer stichhaltigen Analyse der ideologischen Realität im Wege steht. Dabei musste der Autor zunächst he- rausarbeiten, dass im 19. Jahrhundert etwas geschaffen wurde, was in der historischen Entwicklung des moder- nen Weltsystems bis dahin noch nie dagewesen war: etwas, das der Autor seine „Geokultur“ bezeichnet. Darunter versteht er die Werte, die im ganzen Weltsystem weitgehend geteilt werden – sowohl explizit als auch latent. Bis zum langen 19. Jahrhundert gab es eine Trennung zwischen der politi- schen Ökonomie des Weltsystems und seiner diskursiven Rhetorik. Im vierten Kapital stellt deshalb der Autor dar, wie es die kulturellen Auswirkungen der Französischen Revolution zwingend erforderlich machten, diese Trennung durch die Herausbildung der drei Hauptideologien des modernen Welt- systems zu überwinden: Konservatis- mus, Liberalismus und Radikalismus. Ungleichheit, so der Autor, ist ein grundlegendes Element des modernen Weltsystems sowie jedes bekannten historischen Systems. Was den histori- schen Kapitalismus unterscheidet und auszeichnet, ist, dass die Gleichheit zu seinem Ziel (und sogar zu einer seiner Errungenschaften) erklärt wurde – Gleichheit auf dem Markt, Gleichheit vor dem Gesetz und die grundsätzliche gesellschaftliche Gleichheit aller Indivi- duen, die mit gleichen Rechten ausge- stattet sind. Die große politische Frage und die große kulturelle Frage der modernen Welt ist, wie dieses theoretische Lob- lied auf die Gleichheit mit der andau- ernden und zunehmend schärferen Polarisierung der realen Lebenschan- cen und mit der Befriedigung von Be- 460 Wirtschaft und Gesellschaft 39. Jahrgang (2013), Heft 3