Russland bis 1917 Rezension von: Manfred Hildermeier, Geschichte Russlands. Vom Mittelalter bis zur Oktoberrevolution, C. H. Beck, München 2013, 1.504 Seiten, gebunden, D 51,40. ISBN 978-3-406-64551-8. 1998 legte Manfred Hildermeier, Pro- fessor für Osteuropäische Geschichte an der Universität Göttingen, wohl der renommierteste deutsche Russland- spezialist, bei C. H. Beck seine „Ge- schichte der Sowjetunion 1917-1991. Entstehung und Niedergang des ers- ten sozialistischen Staates“ vor, dem rasch der Rang eines Standardwerks zugewiesen wurde. Mit dem vorliegen- den Band vervollständigt Hildermeier seine Gesamtdarstellung der russi- schen Geschichte. Die erste Auflage des letzten deutschsprachigen Über- sichtswerks des Wiener Osteuropahis- torikers Günther Stökl, das für mehrere Jahrzehnte als Standardreferenz galt, stammt aus dem Jahr 1961 („Russi- sche Geschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart“, zuletzt 7., vollstän- dig überarbeitete und aktualisierte Ausgabe 2009 bei Kröner), also aus ei- ner Zeit, als die wissenschaftliche his- torische Osteuropaforschung noch kaum begonnen hatte. Der Autor beabsichtigt, die Ge- schichte Russlands in ihren spezifi- schen, von den Tendenzen im übrigen Europa mehr oder weniger stark ab- weichenden Entwicklungen zu be- schreiben, indem er sich an vier Kern- dimensionen der historischen Wirklich- keit orientiert: 1.) Herrschaft (Politik, Recht, Verwaltung); 2.) Gesellschaft (soziale Struktur, Korporationen, Schichten); 3.) Wirtschaft; 4.) Kultur (materielle und geistige, d. h. insbe- sondere Bildung, Religion und Kirche, säkulare Ideen und Ideologien, Kunst und Ästhetik). Fakten und entspre- chende Deutungen sollen „möglichst ausgewogen“ (S. 21) präsentiert wer- den. Letzteres impliziert v. a., dass die Forschungsergebnisse, -interessen und -methoden seit Anfang der 1990er-Jahre gebührend berücksich- tigt werden und daraus resultierende Interpretationen den älteren gegen- übergestellt werden, um zu einer aktu- ellen Bewertung zu gelangen. Exem- plarischer Adressat des Werkes ist der „interessierte Laie“ (S. 23). Ziel ist mithin eine inhaltlich umfas- sende und in ihren Beurteilungen ab- wägende Darstellung, deren Fokus zum einen auf den Besonderheiten der russischen Entwicklung liegt – wie der Autokratie, einer besonders rigorosen Form der absoluten Monarchie, eines Adels, der nicht nach Mitsprache streb- te, sondern sich über den Herrscher- dienst definierte, der Leibeigenschaft, einer Extremform der Osteuropa in vor- modernen Zeiten prägenden Gutsherr- schaft, einer Kirche, die sich nie als Gegenpol zur weltlichen Macht ver- stand, sondern letzterer diente und sie stützte, einer Stadt, die Herrscher und Staat in grundsätzlich ähnlicher Weise zu Diensten stand wie das Dorf, zum anderen auf dem Verhältnis zu Europa. Das Werk ist chronologisch in sechs Hauptabschnitte gegliedert. Das Kie- ver Reich (Teil 1), die Wiege des Mos- kauer Staates und der russischen Kul- tur insgesamt, gegründet von Warä- gern, nahm um die Mitte des 10. Jhs. staatliche Gestalt an und ging unter, als die mongolischen Eroberer nach den Städten an der oberen Wolga auch die Hauptstadt am Dnepr dem Erdbo- den gleichmachten (1240). 465 39. Jahrgang (2013), Heft 3 Wirtschaft und Gesellschaft