Teil 2 umfasst die Oberherrschaft der „Goldenen Horde“ und den Aufstieg des einst unbedeutenden Fürstentums Moskau zur politischen Dominanz (1240-1533). Letzterer stellt sich als militärische Unterwerfung aller rivali- sierenden Teilfürstentümer einschließ- lich der faktisch weitgehend autono- men „Republik“ Novgorod dar. Mit eini- gen der hauptsächlichen Merkmale, die der neue Staat in dieser Zeit he- rausbildete, entfernte er sich sowohl von den vormongolischen als auch von den zeitgenössischen europäischen Zuständen: Bereits unter Großfürst Iwan III. (1462-1505) fand die politi- sche Ordnung die Form der Selbstherr- schaft (Autokratie), die im tiefsten Kern bis Anfang des 20. Jhs. gültig blieb. Die extreme Zentralisierung der Macht beim Autokraten bedeutete, dass dem für seine Leistungen mit Landschen- kungen belohnten Adel keine konkur- rierenden, autonomen Befugnisse blie- ben. Die Andersartigkeit des russi- schen Adels bestand v. a. in seinem Ethos, das seine Erfüllung im Dienst für den Herrscher fand. Auch das Verhält- nis zwischen weltlicher Macht und or- thodoxer Kirche nahm in dieser Epo- che bereits bleibende Gestalt an: Die Autorität der weltlichen Macht stand nie in Frage. Der Großfürst schützte die Kirche, sie diente ihm dafür und half, seine Herrschaft zu sichern. Mit dem Moskauer Reich (1533- 1689) befasst sich der dritte Hauptab- schnitt. Die Ära Iwans IV. des Gestren- gen (1547-1584), des ersten „Zaren“, sieht auch Hildermeier als Schlüssel- periode an, weil dessen Schreckens- herrschaft die Machtfülle des Autokra- ten noch erweiterte. Selbst gegen ei- nen paranoiden Tyrannen, der gegen alles Herkommen und Recht verstieß, gab es keinen nennenswerten Wider- stand. Wie tief die Autokratie in der rus- sischen Tradition und der adeligen Mentalität bereits verankert war, zeigte sich nirgendwann deutlicher als am Ende der „Zeit der Wirren“ (Smuta, 1584- bzw. 1605-1613), die durch das Aussterben der Gründerdynastie der Rurikiden ausgelöst wurde und letztlich eine Phase der Anarchie war, geprägt vom Fehlen einer anerkannten Zentral- gewalt, Dauerfehden zwischen mächti- gen Bojarengeschlechtern, Bauern- und Kosakenaufständen sowie auslän- dischen Interventionen (Einnahme Moskaus durch polnische Truppen 1610). Sie forderte einen Blutzoll, der erst durch den Vernichtungskampf zwi- schen Weißen und Roten nach der Re- volution vom Herbst 1917 übertroffen wurde. Die Landesversammlung, die 1613 die neue Dynastie der Romanovs einsetzte, unternahm keinerlei Ver- such, sich zu institutionalisieren und Rechte zu sichern, sondern verzichtete auf jegliche Bedingungen und stellte die autokratische Zentralgewalt wieder her. Die Wiederbegründung des ein- heitlichen Staates ging also mit Res- tauration, nicht mit Reformen einher. Die Herrschaft Iwans IV. und der fol- gende Bürgerkrieg markierten auch in der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte einen tiefen Einschnitt, denn auf die Massenflucht von Bauern aus Zentral- russland an die südliche Peripherie reagierten Staat und Grundbesitzer mit ersten Einschränkungen der Freizügig- keit, die im Gesetzesbuch von 1649 festgeschrieben wurden. Das Moskau- er Reich brachte also mit der Leibei- genschaft auch die – neben der Auto- kratie – zweite prägende Institution der russischen Staats- und Sozialverfas- sung hervor. Mit der Ära des Absolutismus (1689- 1796) beschäftigt sich der vierte Teil. 466 Wirtschaft und Gesellschaft 39. Jahrgang (2013), Heft 3