42. Jahrgang (2016), Heft 4 Wirtschaft und Gesellschaft stieg der Erwerbsquoten: Der Anteil der über 55-jährigen, die erwerbstätig sind, hat sich innerhalb nur eines Jahrzehnts von 30% auf 45% erhöht, auch die Frauenerwerbstätigkeit steigt weiter. Die derzeit zu beobachtende Konjunkturbelebung kann deshalb nicht darüber hinwegtäuschen, dass die österreichische Wirtschaft – und noch stärker jene des Euroraumes insgesamt – die lange anhaltende Stagnation bei Weitem nicht überwunden hat. Die Wirtschaftsleistung verharrt weit unter ihrem Potenzial, fehlende Beschäftigung und stagnierende Einkommen prägen den Arbeitsmarkt, und die Quellen eines Impulses, der die expansiven Konjunkturkräfte mit einem Schlag freisetzen würde, sind nirgendwo sichtbar. Dies ist ein in nahezu allen Industrieländern zu beobachtendes Phänomen, und zunehmend wird es auch von der Wirtschaftswissenschaft aufgenommen. Säkulare Stagnation Paul Krugman hat die wirtschaftliche Herausforderung schon zu einem frühen Zeitpunkt der Finanzkrise als Liquiditätsfalle charakterisiert. Haushalte, Unternehmen und Finanzanleger halten das reichlich vorhandene Geld zurück, statt es nachfragewirksam auszugeben, und einer expansiv ausgerichteten Geldpolitik gelingt es in dieser Situation zwar, die Liquiditätsversorgung der Wirtschaft weiter zu verbessern, aber sie ist nicht in der Lage, einen Nachfrageimpuls zu erzwingen, der die Konjunktur aus der Stagnation hebt. Richard Koo hat am Beispiel Japans vorgeführt, wie verheerend der gleichzeitige Versuch der Unternehmen, der Haushalte und des Staates wirkt, ihre krisenbedingte Verschuldung zu verringern: Er mündet in einer balance sheet recession, die in ein anhaltendes Unterbeschäftigungsgleichgewicht übergeht. Ben Bernankes Theorie des savings glut betont die überschüssigen Ersparnisse vor allem in Asien und anderen Schwellenregionen, die keine nachhaltige nachfrageseitige Verwendung in der Weltwirtschaft finden. Larry Summers gilt heute als der prominenteste Vertreter des age of secular stagnation. Die Industrieländer leiden seiner Interpretation nach unter einem Ungleichgewicht zwischen steigender Sparneigung und fallender Investitionsneigung, das nicht durch Zinssenkungen gelöst werden kann, sondern nur durch expansive Fiskalpolitik. Summers greift dabei auf das keynesianische Konzept der säkularen Stagnation zurück, das Alvin Hansen in den 1930er-Jahren entwickelt hat. John Maynard Keynes selbst hat in der „General Theory“ und in den der langen Frist gewidmeten Aufsätzen aus den 1940er-Jahren dieses anhaltende Unterbeschäftigungsgleichgewicht beschrieben, 553