Wirtschaft und Gesellschaft 42. Jahrgang (2016), Heft 4 schen Ökonomie und der Besteuerung“. Während er nicht müde wurde, das erst durch technischen Fortschritt geschaffene langfristige Potenzial für Wachstum und Wohlstand zu betonen, sah er das Beschäftigungsniveau kurz- und mittelfristig durchaus vom vermehrten Einsatz von Maschinen bedroht. In diesem Sinne stellte auch William Whewell ([1831] 1971, S. 20) fest, die mit Maschinen ausgestattete Produktion hat „weniger Arbeit zu kosten als sie es ohne Maschinen gekostet hätte“. Dies impliziert ceteris paribus neben Arbeitslosigkeit auf aggregierter Ebene auch ein Sinken der Lohnquote, also ein Schrumpfen des Anteils der Löhne an der Wertschöpfung zugunsten der Profite. Diese Beobachtung war auch Grundlage für die pessimistischen Langfristprognosen von Karl Marx ([1867] 2006, S. XIII), welcher eine Reduktion der Verhandlungsmacht der Arbeitskräfte aufgrund einer wachsenden Zahl von Arbeitslosen und als Folge davon deren „Verelendung“ befürchtete. Dem gegenüber standen deutlich optimistischere Prognosen wie etwa jene von John Stuart Mill ([1848] 1976, S. 79), welcher einen durch Kostensenkungen ermöglichten Anstieg der Ersparnisse und dadurch wachsende Kapitalakkumulation erwartete. Daraus sollte sich wiederum die Stabilisierung von Lohnsumme und Beschäftigung ergeben und anfängliche Freisetzungseffekte kompensiert werden. Längerfristig optimistischere Prognosen über die Auswirkung von Innovationen hatten auch spätere Ökonomen wie Joseph Alois Schumpeter ([1939] 2008, S. 106f). Zwar verweist der von ihm geprägte Begriff der „kreativen Zerstörung“ auf das disruptive Potenzial von Innovationen durch die grundlegende Veränderung von Produktionsprozessen oder sogar auf das Verschwinden ganzer Industrien. Auf der anderen Seite würden sich in diesen Prozessen aber auch Innovationen durchsetzen, die neue Wachstumsmöglichkeiten und das Entstehen ganz neuer Industriezweige mit sich brächten. Die Auswirkungen des technischen Wandels auf Beschäftigung und Verteilung werden in der ökonomischen Literatur also seit jeher kontrovers diskutiert – von sehr technik-optimistischen bis hin zu eher dystopisch anmutenden Szenarien. In Anbetracht der Komplexität der Wirkungsketten des technischen Wandels sowie der unterschiedlichen methodologischen Herangehensweisen ist diese Vielfalt wenig überraschend. Aktuell werden vor dem Hintergrund der weitgehenden Automatisierung der industriellen Produktion entlang der gesamten Wertschöpfungskette, mehr aber noch durch den möglich werdenden Ersatz menschlicher Arbeitskraft in Dienstleistungssektoren, massive Auswirkungen sowohl auf die Beschäftigung (sinkende Arbeitskräftenachfrage, Art der Tätigkeiten) als auch auf die Verteilung (zunehmende Ungleichheit der Arbeitseinkommen, weitere Verschiebung der funktionellen Einkommensverteilung zugunsten der Kapitaleinkommen) befürchtet. Auf theoretischer Ebene ist diese Frage nicht eindeutig zu beantworten, 592