42. Jahrgang (2016), Heft 4 Wirtschaft und Gesellschaft BEGUTACHTETER ARTIKEL Beschäftigungseffekte von Arbeitszeitverkürzung. Eine makroökonomische Perspektive* Philipp Poyntner 1. Einleitung Seit der Finanz- und Wirtschaftskrise und dem darauffolgenden Anstieg der Arbeitslosigkeit in den meisten europäischen Staaten wird die Idee einer kürzeren allgemeinen Wochenarbeitszeit wieder vermehrt aufgegriffen. In Europa hat zuletzt Frankreich eine über einzelne Sektoren hinausgehende Verkürzung der Wochenarbeitszeit unternommen – vor mehr als 15 Jahren. Die Verkürzung der Wochenarbeitszeit kann Auswirkungen auf verschiedenste wirtschaftlich und gesellschaftlich relevante Bereiche haben: Gesundheit, reproduktive Arbeit, Arbeitsangebot, Arbeitsorganisation, Freizeit-/Konsumverhalten etc. Der Fokus in der aktuellen ökonomischen Debatte liegt jedoch sehr oft auf den Beschäftigungseffekten1. Auf der einen Seite wird argumentiert, dass die momentan geleisteten Arbeitsstunden zu einem gewissen Grad anders verteilt werden können – auch zwischen arbeitenden und arbeitslosen Personen. Auf der anderen Seite steht die Befürchtung im Raum, dass kürzere Arbeitszeiten mit höheren Kosten für Unternehmen einhergehen und Arbeitsplätze verloren gehen könnten. Die vorliegende Arbeit geht der Frage nach, wie die Arbeitszeitverkürzungen in Europa hinsichtlich der Beschäftigungseffekte evaluiert werden können. Abschnitt 2 stellt einige langfristige Entwicklungen relevanter Variablen dar und diskutiert theoretische Überlegungen zur Frage der Arbeitszeitverkürzung. Abschnitt 3 fasst einige empirische Studien zusammen und diskutiert mögliche Erklärungen für die divergierenden Ergebnisse. In Kapitel 4 wird ein empirischer makroökonomischer Ansatz vorgestellt. Ka* Der Autor bedankt sich bei zwei anonymen Referees für äußerst hilfreiche Anmerkungen. 665