42. Jahrgang (2016), Heft 4 Wirtschaft und Gesellschaft BÜCHER Eine marxistische Makroökonomie für das 21. Jahrhundert Rezension von: Anwar Shaikh, Capitalism. Competition, Conflict, Crises, Oxford University Press, New York 2016, 979 Seiten, gebunden, A 48; ISBN 978-0-199-39063-2. Anwar Shaikhs „Capitalism“ ist sein Lebenswerk. Auf nahezu 1000 Seiten ist eine umfassende makroökonomische Theorie mit zahlreichen empirischen Fakten verknüpft. Man könnte sagen, Shaikh hat das geschafft, was viele Thomas Piketty nachgesagt haben: Er bringt die ökonomische Theorie von Karl Marx ins 21. Jahrhundert. Der Doyen des Postkeynesianismus Geoff Harcourt lobt das Buch gar als wahrscheinlich weitgespanntestes Werk seit Marx’ Kapital. Der britische Ökonom Michael Roberts (2016) wies scherzhaft darauf hin, dass Shaikh für sein umfassendes Buch auch länger als Marx für den ersten Band des Kapitals benötigte. Gegen den Strom Anwar Shaikh ist Teil einer Forschungsgemeinschaft, die bedauerlicherweise immer kleiner wird. Auf Wikipedia findet sich eine Aufzählung von gut fünf Dutzend WissenschafterInnen, welche die ökonomischen Theorien von Karl Marx weiterentwickelt haben. Viele unter ihnen sind bereits gestorben, andere wie Wallerstein, Aglietta, Harvey, Bowles oder Gintis sind noch älter als der 1945 in Pakistan geborene Shaikh. Die profunden Kenner marxistischer Theorie sind also rar geworden, an vielen Universitäten lässt die herrschende Lehre marxistischen Ideen keinen Platz mehr. Die „New School for Social Research“ in New York, an der Shaikh seit 1984 eine Professur für Volkswirtschaftslehre innehat, bietet als eine von wenigen akademischen Institutionen Raum für heterodoxe Forschung und Lehre in den Wirtschaftswissenschaften. Shaikh ist in allen Belangen ein politischer Ökonom. Begeistert durch Reden von Martin Luther King und Malcolm X wurde er in der US-amerikanischen Linken aktiv und pflegte in seiner Studienzeit Kontakte zu den „Black Panthers“. Für Aufruhr sorgte er mit einer Einladung Joan Robinsons an das Ökonomie-Department der Columbia Universität, die nach einigem Druck der Studierenden tatsächlich zustande kam. In einer scharfen Kritik an der aggregierten Produktionsfunktion und der Grenzproduktivitätstheorie sorgte sie bei den anwesenden Professoren für Unmut, während sie die weitere Karriere von Shaikh damit stark beeinflusste.1 Shaikh wurde auf dem akademischen Parkett durch die Formulierung der „Humbug“-Produktionsfunktion bekannt.2 1927 hatten Charles Cobb und Paul Douglas die bis heute in der neoklassischen Wirtschaftswissenschaft gelehrte makroökonomische Produktionsfunktion entwickelt. Shaikh argumentierte, dass diese Formel eine rein algebraische Identität sei und entlarvte sie als statistisches Artefakt. Mit seiner ersten Publikation provozierte er damit 685