Wirtschaft und Gesellschaft ein Gleichgewicht nicht als stabilen Zustand, sondern als Gravitationsprozess mit zyklischen, turbulenten Fluktuationen: „[…] turbulent gravitation implies that balance is achieved only through recurrent and offsetting imbalances, so that the equilibrating process is inherently cyclical, turbulent, and subject to ‚self-repeating fluctuations‘ of varying amplitudes and durations“ (S. 113). Mit den Konzepten des realen Wettbewerbs und der turbulenten Regulation beschreibt Shaikh die Bewegungsgesetze von Angebot und Nachfrage. So werden die unterschiedlichen Preise von Anbietern innerhalb einer Branche kaum durch die Mobilität der Konsumenten zum niedrigsten Preis ausgeglichen. Auch die Angleichung unterschiedlicher Profitraten zwischen den verschiedenen Branchen durch die Verschiebung von Kapital in Richtung der größten Profitrate funktioniere nur begrenzt. In beiden Fällen entstehen Verteilungen und Fluktuationen rund um Gravitationspunkte, argumentiert Shaikh. Diese Gravitationszentren sind – ganz in der Tradition der klassischen Ökonomen Smith, Ricardo und Marx – die Produktionspreise. In einem interessanten Kapitel zur empirischen Untermauerung des realen Wettbewerbs wird der Abstand zwischen Markt- und Produktionspreisen analysiert. Aus US-Daten von 1947 bis 1998 beziffert Shaikh die Distanz auf etwa 15 Prozent. Profitmotiv als zentrale Kraft In marxistischer Tradition stellt Shaikh die Profitabilität in den Mittelpunkt seiner ökonomischen Analyse der kapitalistischen Produktionsweise. Das Gewinnmotiv ist der bestimmende 688 42. Jahrgang (2016), Heft 4 Faktor für Investitionen, Beschäftigung und Wirtschaftswachstum sowie den Verlauf von Konjunkturzyklen. Daraus folgt auch seine Kritik an der (post-) keynesianischen Theorie, wonach die Wurzeln der aktuellen Krise eben nicht in Einkommensungleichheit und Unterbeschäftigung zu suchen sind, sondern in der Entwicklung der Profitrate. Dementsprechend sieht er die Konzentration keynesianischer Lösungsansätze auf eine stabile Lohnquote sowie eine aktive Geld- und Fiskalpolitik zur Sicherung von Vollbeschäftigung skeptisch. Diese Maßnahmen sind für Shaikh nicht ausreichend, sofern sie nicht die von ihm identifizierte Wurzel der Krise angreifen: die negative Entwicklung der Profitrate, die er – wie Marx – als dominante Triebkraft der kapitalistischen Produktionsweise ausmacht.4 Damit weist Shaikh auch das Konzept der unsichtbaren Hand als intrinsische Kraft und stabilisierendes Element der Marktwirtschaft zurück. Er betont, dass die zyklischen Fluktuationen der Profitabilität das Wirtschaftswachstum bestimmen und unterlegt diese Theorie mit zahlreichen empirischen Daten. Ausgangspunkt sind dabei die von Nikolai Kondratieff entwickelten langen Wellen der ökonomischen Entwicklung. Wiederkehrende Krisen sind für Shaikh ein inhärentes Charakteristikum der kapitalistischen Produktionsweise, während Krisen von der Mainstream-Ökonomie immer wieder als einmalige Ereignisse proklamiert würden. Er bedient sich dabei der marxistischen Argumentation, wonach ein langfristiger Fall der Profitrate zu Wirtschaftskrisen führt und untermauert dies mit einigem Zahlenmaterial. Die nächste Krise ist laut Shaikh also vorprogrammiert.