42. Jahrgang (2016), Heft 4 seltener und kürzer, und einige Reiche wurden zu Weltreichen. Reichsbildungen erfolgten auch in Afrika und Amerika. Als politische Lebensform erreichte das „Reich“ den Höhepunkt seiner Entwicklung. Reiche zeichnen sich im Vergleich zu modernen Staaten durch eine wesentlich stärker dezentralisierte Machtstruktur aus. Die Reiche des lateinischen Europa um 1350 waren nur in begrenztem Maße durch die Herrschaft ihrer Könige geprägt, sondern durch Tausende von Adelsherrschaften einerseits, Stadt- und Landgemeinden andererseits. In den Gemeinden spielte sich das politische Leben zwischen den – je unterschiedlich gewichteten – Polen Herrschaft und Genossenschaft ab. Durch herrschaftliche Privilegierung oder eigene Satzung oder Mischformen entwickelten sie ihr eigenes Recht, das nur für die Angehörigen der betreffenden Stadt bzw. Landgemeinde und auf deren Gebiet galt. Herrschaft bestand mithin in erster Linie in Rechtsprechung. Die Herrschaftsstruktur der Reiche war „nichts anderes als die politische Seite der dezentralen sozialen und wirtschaftlichen Struktur Europas“ (S. 727). Die politische Geschichte des lateinischen Europa in den vier Jahrhunderten zwischen 1350 und 1750 war die Geschichte von Reichsbildungen, des Übergangs von mittelalterlichen Reichen zu frühmodernen Protostaaten und schließlich zu modernen Nationalstaaten. Dieser Prozess war um 1750 in einigen Ländern schon weit fortgeschritten, in anderen viel weniger weit. Reife erlangten die modernen Nationalstaaten erst im 19. Jh. Die Staatswerdung bedeutete, dass die Zentrale selbst und ihr Zugriff auf das Land institutionalisiert wurden. Wirtschaft und Gesellschaft Persönliche Herrschaft wandelte sich in ein System von Gerichten, dann von weiteren Behörden. Diesen Verwaltungsapparaten gelang es erst nach und nach, die traditionell dezentralisierte Ordnung einigermaßen zu zentralisieren. Reinhard führt in seinem Beitrag über das lateinische Europa zahlreiche Faktoren an, welche die Ausbildung frühmoderner Protostaaten und in der Folge von modernen Staaten wesentlich begünstigten: die römische Kirche als erste Zentralisierungsinstanz der europäischen Geschichte und Hauptträgerin der juristischen Revolution des 11. und 12. Jh.s; das Königtum als gesellschaftlich anerkannter Garant des Rechts, insbesondere des Eigentumsrechts; eine Abfolge fähiger Herrscherpersönlichkeiten; eine ausreichend breite Schicht gesellschaftlich maßgebender Personen, „die im eigenen Interesse die Sache der Dynastie zu der ihrigen machten“ (S. 25), typischerweise den bereits bestehenden Adel und eine zusätzliche, von der Dynastie geschaffene Oberschichte für den Kriegs, Justiz- und Hofdienst; geeignete Institutionen (wie bspw. effektive Zentralbehörden und der wirtschaftlichen Entwicklung förderliche Gesetze) und deren effektive Durchsetzung, insbesondere die Errichtung eines Zwangsapparats zur Mobilisierung umfassender Ressourcen zur Kriegsführung; die Konfessionalisierung, die den weltlichen Obrigkeiten den Zugriff auf Kirchengut bzw. die Besteuerung des Klerus ermöglichte; schließlich die weltweite Führungsstellung Westeuropas in der Waffentechnik (gegossene eiserne Kanonen in England Mitte des 16. Jh.s). „Bis 1750 hatte in den meisten Ländern eine erstarkte Monarchie mittels 699