also auf Höhe der allgemein anerkannten Armutsgrenze. Gelingt es dem EGB, das durchzusetzen, wäre das eine entscheidende Maßnah- me gegen den Abwärtsdruck auf die Löhne in Europa und könnte zur Stabilisierung der für Europa zentralen Binnennachfrage beitragen. Zu- mindest aber würde das Arbeitsarmut reduzieren. Makroökonomische Effekte von Mindestlöhnen Mindestlöhne haben starke Effekte auf die Einkommensverteilung. Ihre Wirkung hängt dabei von diversen Faktoren wie dem Lohnregime, der Gewerkschaftsmacht und Organisationsform, den institutionellen Rahmenbedingungen und dem ökonomischen Umfeld ab. Entgegen der Darstellung in neoklassischen Modellen entspricht die Höhe der Löhne nicht dem Grenzprodukt der Arbeit, sondern sie ist umkämpft. In kollektivvertraglichen Lohnregimen orientieren sich Gewerkschaf- ten an der gesamtwirtschaftlichen Preis- und mittelfristigen Produktivi- tätsentwicklung. Die Lohnpolitik der Gewerkschaften dient also dazu, (Arbeits-)Produktivitätsgewinne auch bei den ArbeitnehmerInnen an- kommen zu lassen und das Arbeitseinkommen an die Inflation anzu- passen. In Österreich ist diese Ausrichtung als „Benya-Formel“ (Infla- tion plus Produktivitätssteigerung) bekannt. Eine solche produktivitäts- orientierte Lohnpolitik (mittelfristige Nominallohnerhöhung in der Höhe des gesamtwirtschaftlichen Arbeitsproduktivitätszuwachses unter Be- rücksichtigung der Inflationsentwicklung) hält ceteris paribus die realen Lohnstückkosten konstant und wird damit dem Doppelcharakter der Löhne (einerseits Kostenfaktor, andererseits wichtigster Bestimmungs- faktor der Binnennachfrage) gerecht. Die Verteilung zwischen Arbeits- und Kapitaleinkommen ändert sich daher durch diese Lohnpolitik nicht. Im Vergleich zwischen Produktivitätsentwicklung und Lohnquote in Österreich zeigt sich jedoch ein erheblicher verteilungspolitischer Spielraum für eine Rückverteilung zu Arbeitseinkommen und somit auch für die Finanzierung einer Mindestlohnerhöhung. In Österreich fiel die bereinigte Lohnquote laut AMECO-Daten seit den 1980ern von etwa 64% auf 60% im Jahr 1994. In der darauffolgenden Phase des Vermögensbooms mit stark steigenden Vermögenseinkommen ging die Lohnquote sogar auf 53% (2007) zurück. Sie hat sich seither kon- junkturell bedingt wieder auf 55% (2015) erhöht. Ob die Verteilung zwischen Kapital- und Arbeitseinkommen tatsäch- lich über Mindestlöhne verändert werden kann, ist jedoch umstritten, da diverse komplexe Mechanismen und Ausweichmöglichkeiten auf Kapi- talseite berücksichtigt werden müssen. Bei kollektivvertraglichen Lohn- verhandlungen auf Branchen- und Unternehmensebene kann der Min- 171 43. Jahrgang (2017), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft