Da die niedrigsten Löhne meist in arbeitsintensiven Dienstleistungs- bereichen bezahlt werden, in denen vorwiegend Frauen tätig sind, haben Mindestlöhne auch eine Verteilungswirkung zwischen den Ge- schlechtern. In Deutschland haben zu zwei Drittel Frauen von der Min- destlohnerhöhung profitiert. Auch in Österreich würde die Mindestlohn- erhöhung auf 1.500 A brutto pro Monat zu zwei Drittel Frauen zugute- kommen. Der Mindestlohn kann – ebenso wie höhere KV-Löhne – zudem posi- tiv auf die Produktivität sowie auf Arbeitsqualität und Zufriedenheit am Arbeitsplatz wirken. Unternehmen können sich – in der ökonomischen Theorie – zwischen zwei Strategien entscheiden: Entweder stellen sie qualitativ hochwertige Produkte und Dienstleistungen mit geschulten, produktiven MitarbeiterInnen mit höheren Löhnen und möglichst stabi- len Beschäftigungsverhältnissen her. Dieser „obere Weg“ beruht auf hoher Innovationsfähigkeit mit dem Ziel der Qualitätsführerschaft und hoher Arbeitsproduktivität, die eher mit einem ausgebauten Sozialsys- tem kompatibel ist. Alternativ können die Unternehmen darauf abzie- len, mit standardisierten Arbeitsabläufen und ungeschultem, schlecht bezahltem Personal bei hoher Fluktuation möglichst billig zu produzie- ren („unterer Weg“). Dieser Fokus auf preisliche Wettbewerbsfähigkeit ist durch Auslagerungen, Downsizing und temporäre Arbeitsverträge und somit durch externe Flexibilität gekennzeichnet, die durch die Rah- menbedingungen eines mageren staatlichen Sozialsystems tenden- ziell gefördert wird. Ein Mindestlohn kann Unternehmen dazu anstoßen, sich stärker in Richtung des hochproduktiven Weges zu orientieren. Nach Einführung des deutschen Mindestlohns 2015 zeigte sich, dass es tatsächlich zu einer Aufwertung der Niedriglohn-Beschäftigungsverhältnisse kam. Für NiedrigstverdienerInnen stieg der Stundenlohn ebenso wie der mo- natliche Bruttolohn. Zugleich sank die Arbeitszeit beträchtlich, und der Anteil der Beschäftigten mit überlangen Arbeitswochen von mehr als 45 Stunden ging deutlich zurück. Zudem gibt es Hinweise auf eine Ver- dichtung, aber auch auf eine Aufwertung der Arbeit. Der deutsche Mindestlohn hatte weder makroökonomische Auswir- kungen auf den Arbeitsmarkt, noch auf das Preisniveau. Da die Be- schäftigung durch den Mindestlohn nicht merkbar beeinflusst wurde, ist es vielen ArbeitgeberInnen offensichtlich gelungen, die höheren Lohn- kosten auszugleichen, etwa durch eine höhere Produktivität. Dafür gibt es Indizien in den Erhebungen, wo Mindestlohnbeschäftigte über mehr und anspruchsvollere Arbeit berichten. So hat sich das Arbeitsvolumen bei Mindestlohnbeschäftigten im selben Arbeitsverhältnis stärker er- höht; zugleich geben diese etwa an, seltener in ihrer Tätigkeit gestört zu werden, also konzentrierter arbeiten zu können. Außerdem empfin- 173 43. Jahrgang (2017), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft