Arbeiten Beschäftigte länger oder kürzer als gewünscht, kann sich das ebenfalls negativ auf Gesundheit,9 Arbeitszufriedenheit10 und persönli- ches Wohlbefinden11 auswirken. Mehrere Studien zeigen, dass ein erheb- licher Anteil der Beschäftigten seine Arbeitszeitpräferenzen nicht realisie- ren kann.12 Dies stellt auch die Kernannahme der freien Vertragsmöglich- keit innerhalb des neoklassischen Theoriegebäudes in Frage. Des Weiteren wird Arbeitszeit mit dem Thema Geschlechtergerechtig- keit in Verbindung gebracht. Da bezahlte und unbezahlte Tätigkeiten in den meisten Ländern sehr ungleich zwischen Männern und Frauen verteilt sind, könnte eine Verkürzung der Normalarbeitszeit unter Umständen dazu beitragen, diese Lücke zu schließen.13 In der jüngeren Vergangenheit werden kürzere Arbeitszeiten auch immer öfter im Kontext der ökologischen Krise analysiert. Einige Quer- schnittsstudien deuten darauf hin, dass Länder mit kürzeren Arbeitszeiten einen geringeren Umweltverbrauch aufweisen.14 Auf individueller Ebene können sich kürzere Arbeitszeiten einerseits aufgrund des verringerten Einkommens, andererseits durch Änderungen in der Zeitverwendung po- sitiv auf die Umwelt auswirken.15 Wie dieser kurze Aufriss zeigt, wird das Thema Arbeitszeitverkürzung aus unterschiedlichsten Perspektiven analysiert und betrachtet. Dennoch wird relativ wenig Augenmerk auf die konkrete Umsetzung von AZV-Mo- dellen gelegt. Viele der genannten Arbeiten untersuchen makro- oder mi- kroökonomische Zusammenhänge und Effekte. Die Unternehmensebene und konkrete Erfahrungen aus der betrieblichen Praxis spielen im Rah- men dieser Analysen kaum eine Rolle. Dies ist eigentlich verwunderlich, da ein Blick in die Vergangenheit eini- ge interessante Beispiele betrieblicher Arbeitszeitverkürzung aufzeigt. So hat beispielsweise der deutsche Jalousien- und Holzpflasterproduzent Heinrich Freese im Jahr 1891 als einer der ersten deutschen Unternehmer den Achtstundentag eingeführt.16 Wenige Jahre später (1900) erfolgte diese Umstellung auch in den Carl-Zeiss-Werken in Jena,17 einige Zeit bevor der Achtstundentag in Deutschland 1918 schließlich gesetzlich ver- ankert wurde. Eine aus heutiger Sicht sehr progressive Maßnahme wurde bereits 1931 beim US-amerikanischen Lebensmittelproduzenten Kel- logg’s umgesetzt, der die tägliche Arbeitszeit auf sechs Stunden reduzier- te. Dieses Modell galt für Teile der Belegschaft bis in die 1970er-Jahre.18 Auch in jüngerer Vergangenheit sorgten betriebliche Modelle der Arbeits- zeitverkürzung immer wieder für Schlagzeilen. So setzte zum Beispiel Volkswagen (VW) 1993 aufgrund eines drastischen Nachfrageeinbruchs einen Tarifvertrag um, der eine Reduktion der wöchentlichen Arbeitszeit von 36 auf 28,8 Stunden vorsah. Vorrangiges Ziel war es, Massenentlas- sungen zu verhindern.19 Ein solches Motiv war auch in der jüngsten Wirt- schaftskrise treibende Kraft in der Umsetzung von verschiedenen Kurzar- 179 43. Jahrgang (2017), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft