Die österreichische Finanzkrise Rezension von: Fritz Weber, Vor dem großen Krach. Österreichs Banken in der Zwischenkriegszeit am Beispiel der Credit-Anstalt für Handel und Gewerbe, Böhlau, Wien 2016, 592 Seiten, gebunden, A 60; ISBN 978-3-205-78790-7. Vor- und Nachworte Dem Buch vermittelt schon durch das von Hannes Androsch verfasste Vorwort einen besonderen Akzent. Da- rin beschäftigt sich der Verfasser näm- lich nicht nur mit hervorstechenden his- torischen Problemen, wie etwa dem Schicksal des Finanzministers Bruck, welcher sich für die Überwindung der österreichischen Schutzzoll-Mentalität exponierte, sondern vermittelt auch In- formationen aus persönlicher Erfah- rung als CA-Generaldirektor, wie etwa die Ablösung des patriarchalischen Führungsstils, die Verbreiterung der Kundenbasis oder die Sanierung der Konzernbetriebe. Die CA gehörte zu den Pionieren der Ostöffnung, da sie bereits vor der Wende daranging, Re- präsentanzen in dieser Region zu eta- blieren. Den Verkauf des Institutes und dessen Folgen hatte Androsch nicht mehr zu verantworten. Auf dessen Anregung hin verfasste Herbert Matis, der Herausgeber der Böhlau-Reihe „Studien zur Wirt- schaftsgeschichte und Wirtschaftspoli- tik“, in welcher die Arbeit Webers er- scheint, als Nachwort einen kompak- ten, jedoch umfassenden und instrukti- ven Überblick über die gesamte Ge- schichte der CA. Die Darstellung setzt mit der durch die Kooperation zwi- schen Hocharistokratie und jüdischen Bankiers zustande gekommenen Gründung des Instituts ein, legt dessen wachsende nationale wie internationa- le Bedeutung dar und setzt sich dann auch mit den Problemen als Folge des Ersten Weltkriegs und des Zerfalls der Habsburgermonarchie auseinander. Nach Krise und Stabilisierung wurde die CA als Folge des „Anschlusses“ germanisiert. Matis schildert ihre Wie- dergeburt und Erfolgsgeschichte, die schließlich durch politisch wie persön- lich motivierte Eigentümerwechsel nach einem bayrischen Zwischenspiel in Italien endete. „Nach mehr als 152 Jahren fand damit ein prominentes Ka- pital der österreichischen Wirtschafts- geschichte ein unrühmliches Ende.“ Aus der Katastrophe zur Normalität Der Titel der vorliegenden, umfas- senden Studie führt eigentlich in die Irre. Denn Weber analysiert keines- wegs nur die Periode vor dem fakti- schen Zusammenbruch der Credit-An- stalt, sondern die gesamte Zwischen- kriegszeit. Natürlich ist er dafür in ho- hem Maße geeignet, als er sich seit vielen Jahren diesem Thema intensiv gewidmet hat – allein sowie in Zusam- menarbeit mit anderen namhaften Wirtschaftshistorikern. So verweist der Autor auf seine enge Kooperation mit Eduard März, welche ihren Nieder- schlag in der Arbeit „Österreichische Bankpolitik in der Zeit der großen Wen- de. Am Beispiel der Credit-Anstalt für Handel und Gewerbe“ (1981) fand so- wie in diesem Rahmen auch mit Hans Kernbauer. Die Wirtschaft des heutigen Bundes- gebiets sah sich nach 1918 einer kata- strophalen Situation gegenüber. Da 312 Wirtschaft und Gesellschaft 43. Jahrgang (2017), Heft 2