Editorial Zu den wirtschaftspolitischen Herausforderungen für die kommende Bundesregierung Österreichs Wirtschaft befindet sich im Konjunkturaufschwung. Die vorsichtige Erholung, die 2015 eingesetzt und 2016 an Breite gewon- nen hat, ist in den letzten Quartalen in eine kräftige Expansion überge- gangen. Die heimische Wirtschaft wird im Jahr 2017 real um etwa 3% und 2018 kaum schwächer wachsen, damit so stark wie seit zehn Jah- ren nicht mehr. Hohe Qualität der Produkte und steigende Nachfrage aus Ost- und Westeuropa haben der Industrie kräftige Impulse verlie- hen, die nicht nur schon seit Jahren stärker wächst als jene Deutsch- lands, sondern heuer um gut 5% zulegen wird. Kräftiges Beschäfti- gungswachstum und Steuerreform stützen die Konsumnachfrage der privaten Haushalte, deren Schwäche über einige Jahre den wichtigsten Grund für den temporären Wachstumsrückstand gegenüber Deutsch- land bildete. Steigende Kapazitätsauslastung und positive Absatzer- wartungen beleben die Investitionstätigkeit der Unternehmen; vor allem die Ausrüstungsinvestitionen in Maschinen, Fahrzeuge und Elek- trogeräte legen schon heuer kräftig zu (2017 real +6%), und die Indus- trieunternehmen wollen ihre Investitionen dieses Jahr sogar um ein Fünftel ausweiten. Der Konjunkturaufschwung beschleunigt das Beschäftigungswachs- tum und die Abgabeneinnahmen, was die Arbeitslosigkeit und vor allem das Budgetdefizit deutlich verringert. Gleichzeitig erhöhen sich allerdings auch Material-, Ressourcen- und Energieverbrauch sowie Treibhausgasemissionen, die seit Beginn der Finanzkrise leicht rück- läufig waren. Insgesamt steht Österreichs Wirtschaft, nicht nur was die Dynamik, sondern auch was das Niveau betrifft, im europäischen Ver- gleich gut da. Beim BIP pro Kopf zu Kaufkraftparitäten belegen wir Rang 4, beim Nettoäquivalenz-Medianeinkommen der Haushalte Platz 2, bei der Sozialquote Platz 6 und – weil das hohe wirtschaftliche und soziale Niveau auch finanziert werden muss – bei der Abgabenquote Platz 5 unter den 28 EU-Mitgliedsländern. Alle Fakten belegen das hohe Niveau des Sozial- und Wirtschaftsstandorts und strafen die Pro- ponentInnen des „Abgesandelt-Mythos“ Lügen. Dies laufend zu tun ist wichtig, denn die vielleicht größte Schwäche der österreichischen Wirtschaft und gleichzeitig auch die größte Gefahr für die weitere Entwicklung bildet das mangelnde Selbstvertrauen im Land oder viel konkreter die mutwillige Schlechtmacherei des Stand- 43. Jahrgang (2017), Heft 3 Wirtschaft und Gesellschaft 327