450 Wirtschaft und Gesellschaft 43. Jahrgang (2017), Heft 3 auf die Motive für die Vermögensakku- mulation ein. Gegenübergestellt wer- den hier zwei Sichtweisen: Auf der ei- nen Seite steht die im ökonomischen Mainstream sehr einflussreiche Sicht, dass Nutzen für den Menschen haupt- sächlich durch Konsum und Freizeit entsteht. Vermögen stiftet in dieser Sicht dadurch Nutzen, dass die Vermö- gensgüter entweder zum aktuellen Konsum beitragen (z. B. ein Haus) oder in Form von Ersparnissen zukünf- tigen Konsum ermöglichen. Auf der anderen Seite steht die Ansicht, dass Zufriedenheit stark mit sozialem Sta- tus zusammenhängt und Vermögen seinem Besitzer zu diesem Status ver- hilft. Diese Unterscheidung trifft man im Buch mehrmals wieder, etwa bei der Frage, welche Rolle die Altersstruktur für die Vermögensungleichheit spielt (Kapitel 4). Wenn Vermögen primär deshalb akkumuliert wird, weil es für zukünftigen Konsum gedacht ist, so würde Ungleichheit automatisch da- durch entstehen, dass Menschen sich in unterschiedlichen Phasen ihres Le- benszyklus befinden: Während junge Menschen gerade erst damit angefan- gen haben, Ersparnisse fürs Alter auf- zubauen, sind die etwas älteren schon weiter fortgeschritten in diesem Pro- zess und dementsprechend vermö- gender. Diese Sicht legitimiert damit in gewisser Weise Vermögensungleich- heit.2 Wird Vermögen allerdings vor allem aus Statusgründen akkumuliert, dann dient es weder direkt der Altersvorsor- ge, noch kann man davon ausgehen, dass diese Vermögen im Laufe des Le- bens von ihrem Besitzer aufgebraucht werden. Was wir stattdessen erhalten, ist eine Gesellschaft, in der Erbschaf- ten zunehmend die individuelle Positi- on in der Vermögensverteilung bestim- men. Außerdem spielt diese Unterschei- dung im Buch bei der Diskussion über die möglichen Auswirkungen von Ver- mögensbesteuerung (Kapitel 8) eine Rolle: Dient Vermögen primär als Mittel zum Konsum, so könnte eine Besteue- rung von Vermögen dazu führen, dass Menschen weniger Bemühungen in die Anhäufung von Vermögen stecken und stattdessen mehr Freizeit genießen, was sich negativ auf das BIP auswir- ken würde. Geht es aber bei Vermögen zu einem großen Teil um sozialen Sta- tus, so würde eine progressive Vermö- gensbesteuerung die Bemühungen der Reichen nicht reduzieren, sondern könnte sie sogar anstacheln, da es ja weiterhin nur darum geht, nicht an rela- tiver Position zu verlieren. Bei der Beantwortung der Frage, ob Veränderungen in der Vermögensver- teilung gewissen Gesetzmäßigkeiten unterliegen (Kapitel 5), orientieren sich die Autoren an der Theorie von Piketty, der zufolge die Vermögensungleich- heit dann zunimmt, wenn die Ertrags- rate auf Kapital (r) größer ist als die Rate des Wirtschaftswachstums (g). Dieses Kapitel bietet eine Zusammen- fassung von Pikettys Thesen sowie der Kritik, die daran bisher geäußert wur- de.3 Wie soll nun ungeachtet des Ist-Zu- standes der Sollzustand aussehen? Für die Beantwortung dieser keines- wegs leichten Frage wählen die Auto- ren einen sehr guten Zugang, indem sie hierfür verschiedene Schulen zu Wort kommen lassen. Dabei spannt Kapitel 6 einen Bogen von der konser- vativen Sichtweise („Der Kontinuität zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist am besten gedient, wenn privates Eigentum unantastbar