nen verwenden jedoch hauptsächlich – und im Überblickskapitel ausschließ- lich – Einkommen, um die Mittelschicht abzugrenzen. Gerade ein Debatten- beitrag, der sich ausdrücklich auf die Arbeitswelt als Grund für Entwicklun- gen der Mittelschicht bezieht, hätte durch etwas mehr Breite bei dieser Frage gewinnen können. In Bezug auf Vermögen ist zudem das Argument fehlender Daten nicht mehr stichhaltig. Ebenso wie mit dem verwendeten EU-SILC-Datensatz von Eurostat („EU Survey of Income and Li- ving Conditions“) vergleichbare Ein- kommensdaten verfügbar sind, gibt es mit dem „Household Finance and Con- sumption Survey“ (HFCS) des europäi- schen Systems der Zentralbanken über die Länder des Euroraums hin- weg vergleichbare Informationen zu Vermögen. Fessler und Schürz (2017) verwen- den im österreichischen Sozialbericht diese Datenbasis. Sie zeigen, dass die Mittelschichtkonzepte nach Einkom- men, Vermögen und Konsum einander zwar überlappen, aber keineswegs zu einer eindeutigen Zuordnung von Haushalten in Gruppen führen. Ganz im Gegenteil, wenn jeweils die mittle- ren 60% bei Nettoäquivalenzeinkom- men, Nettovermögen und Äquivalenz- konsum betrachtet werden, zählen über 90 Prozent aller Haushalte in min- destens einer Definition zur Mittel- schicht. Zugleich sind aber nur etwa 20 Prozent Teil einer stabilen Mittelschicht – wenn diese auf einem umfassenden Konzept beruht, das nicht nur einen Einzelindikator verwendet. Gemäß ILO-Definition gehören zur Mittelschicht jene Personen, die über ein Einkommen zwischen 60 und 200 Prozent des Medianeinkommens des jeweiligen Landes verfügen. Die Unter- grenze wird dabei etwas beiläufig mit der Niedrigeinkommensgrenze von Eurostat begründet (diese liegt bei zwei Drittel, also 66,6 Prozent, des Brutto-Stundenmedianeinkommens). Warum nicht ein gewisser Abstand zur Armutsgrenze gewählt wurde, wie etwa von Fessler und Schürz (2017) sowie Derndorfer und Kranzinger (2017), bleibt unerklärt. Die Obergren- ze wird überhaupt postuliert. Die Trends bei der Mittelschicht in den EU-Ländern in den zwei Perioden 2004-2006 und 2008-2011 sind unter- schiedlich, wie auch Derndorfer und Kranzinger (2017) auf derselben Da- tenbasis feststellen. Allerdings ist die Einteilung der Länder in fünf Katego- rien im Buch nur beschränkt aussage- kräftig. Drei Positivszenarien umfas- sen 15 Länderepisoden: eine wach- sende Mitte, eine wachsende untere Mitte sowie eine wachsende Mitte und Oberschicht. Zwei Szenarien einer schrumpfenden Mittelschicht betrafen 13 Länderepisoden sowie Europa als Gesamtes: Diese bestehen aus einer schrumpfenden oberen Mitte sowie ei- ner wachsenden Mitte und Unter- schicht. Insbesondere die Klassifikation von Österreich als ein „aufholendes“ Land mit einer wachsenden Mitte und Ober- schicht, gemeinsam mit der Slowakei, Lettland, Polen und Zypern, ist weder durch die Daten gedeckt noch konzep- tionell einleuchtend. Es widerspricht auch den Ergebnissen von Derndorfer und Kranzinger (2017) für Österreich, die eine schrumpfende Mitte feststel- len, wenn diese auch mit 2004 bis 2013 einen etwas abweichenden Zeitraum betrachten. Süd- und osteuropäische Länder wie Spanien, Polen, Estland oder Lettland dagegen machten mit ihrer verhältnis- 453 43. Jahrgang (2017), Heft 3 Wirtschaft und Gesellschaft