Louise Sommer: Ökonomin in bewegten Zeiten Rezension von: Ute Lampalzer, „… die ökonomische Theorie in einen breiteren Rahmen stellen …“. Das Lebenswerk von Louise Sommer (1889-1964), Metropolis, Marburg 2014, 358 Seiten, broschiert, A 44,80; ISBN 978-3-731-61113-4. Der Name Louise Sommer ist jenen Ökonomen bekannt, die sich einmal in- tensiver mit Merkantilismus und Kame- ralismus beschäftigt haben. Fast hun- dert Jahre nach dem Erscheinen ist ihre zweibändige Studie „Die österrei- chischen Kameralisten in dogmenge- schichtlicher Darstellung“ (1920/1925) immer noch die umfassendste und wichtigste Darstellung und Bewertung der ökonomischen Schriften von Be- cher, Hörnigk, Schröder, Justi und Sonnenfels, die nicht nur als Meilens- teine der frühen deutschen Wirt- schaftswissenschaft gelten, sondern auch die Wirtschaftspolitik der habs- burgischen Erbländer maßgeblich und nachhaltig geprägt haben. Über die Autorin dieses Standard- werkes war bis vor Kurzem kaum et- was bekannt. Erst im Zuge der syste- matischen Erforschung der Beiträge von Frauen zur Entwicklung der Wis- senschaften machte ein Beitrag auf Louise Sommer aufmerksam.1 Mit dem Buch von Ute Lampalzer, ursprünglich eine Dissertation an der Universität Hamburg, liegt nun eine umfassende Monografie über Leben und Gesamt- werk der aus Österreich stammenden Ökonomin vor. Louise Sommer wurde 1889 als Tochter des Textilindustriellen Oskar Sommer in Wien geboren. Sie ent- stammte einer Familie jüdisch-böh- mischer Herkunft. Seit 1910 studierte sie an der Universität Wien Staatswis- senschaften, allerdings nur als Gasthö- rerin, da Frauen erst 1919 als ordentli- che Hörerinnen an der juridischen Fa- kultät zugelassen waren. Nach Studien an verschiedenen anderen europäi- schen Universitäten promovierte sie 1921 an der philosophischen Fakultät der Universität Basel mit der Arbeit über die österreichischen Kameralis- ten, die aus ihren Wiener Studien her- vorgegangen war. 1926 habilitierte Sommer an der Universität Genf, an der sie dann 20 Jahre als Privatdozen- tin tätig war. Parallel dazu unterhielt sie bis 1938 enge Beziehungen zu ihrer Heimat- stadt Wien, wo sie u. a. die Funktion ei- ner Pressereferentin des österreichi- schen Nationalkomitees der internatio- nalen Handelskammer innehatte. In dieser Zeit erschienen mehrere kleine Beiträge in österreichischen Tages- und Wochenzeitungen. Louise Sommer war keine Emigran- tin, die dem häufigsten Typus dieses Begriffs entspricht,2 da sie lange vor der nationalsozialistischen Herrschaft aus beruflichen Gründen ihren Wohn- sitz in der Schweiz genommen hatte, von wo sie erst 1947 in die USA aus- wanderte. Trotz intensiver Bemühun- gen konnte sie dort an keiner Universi- tät eine dauerhafte Anstellung erlan- gen und musste für befristete Lehrauf- träge (u. a. auch wieder in Genf) häufig Institution und Aufenthaltsort wech- seln. Sommer starb 1964 in Washing- ton, D.C. Ihre wichtigsten Lehrer an der Uni- versität Wien waren Carl Grünberg, In- haber des Lehrstuhls für Wirtschafts- geschichte, und besonders Karl Pri- bram, zu dessen Forschungsinteres- 645 43. Jahrgang (2017), Heft 4 Wirtschaft und Gesellschaft