Editorial Umkämpfte Gerechtigkeit Gerechtigkeit ist ein zentrales Ordnungsprinzip menschlicher Gesell- schaften. Wer festlegen kann, was gerecht ist und was nicht, legt damit auch die Möglichkeiten und Grenzen legitimer Herrschaft bzw. zulässi- ger Machtausübung fest. Die Schwierigkeit liegt bei Gerechtigkeitsvor- stellungen weniger darin, sie zu schaffen, als darin, ihre Akzeptanz zu erreichen. Fast alle Parteien haben im vergangenen Nationalratswahlkampf ver- sucht, das Thema Gerechtigkeit für sich zu reklamieren. In öffentlichen Debatten wird Gerechtigkeit damit wieder zu einem stärker umkämpf- ten Feld. Aus diesem Grund wird die Frage, was denn überhaupt als gerecht gelten kann, auch hier wieder aufgegriffen. Dabei konzentrie- ren wir uns in diesem Beitrag auf konkrete wirtschaftspolitische Implika- tionen der Gerechtigkeitsfrage, also die Frage der Gerechtigkeit von sozialen Institutionen und politischen Maßnahmen. Wir übergehen damit die klassische Frage des gerechten Verhaltens als individuelle Tugend. Zudem konzentrieren wir uns auf distributive Aspekte von Ge- rechtigkeitsvorstellungen. Die Frage korrektiver Gerechtigkeit überlas- sen wir den KollegInnen aus dem juristischen Feld. Wir nehmen dabei einen Aspekt aus Amartya Sens jüngstem Buch „Die Idee der Gerechtigkeit“ (2010) auf und hoffen, dass unsere Überle- gungen zur Beantwortung der Frage, ob denn gewisse Entwicklungen zu einer gerechteren oder zu einer ungerechteren Welt führen, einen Beitrag leisten. Die Frage, wie die Utopie einer von Grund auf gerecht organisierten Verteilung aussehen würde, überantworten wir den Kolle- gInnen aus der Philosophie. Die vielen Gerechtigkeiten Wer die unterschiedlichen Dimensionen von Gerechtigkeit in ihrer ge- lebten Praxis näher beobachten möchte, verbringe einen gemeinsa- men Nachmittag mit kleinen Kindern. Denn Kinder haben ein erstaun- lich ausgeprägtes Bewusstsein für Gerechtigkeit. Wenn sie monieren, dass um 20 Uhr ins Bett geschickt zu werden, „voll ungerecht“ sei, hin- terfragen sie die Gerechtigkeit der Herrschaft ihrer Eltern. Auch die Frage nach der Leistungsgerechtigkeit gewisser Allokationsentschei- dungen ist bereits im Kindesalter gang und gäbe: „Ich hab’s zuerst ge- sehen, also gehört’s mir.“ Wenn sich ein Kind darüber beschwert, dass 44. Jahrgang (2018), Heft 1 Wirtschaft und Gesellschaft 3