Kette von Übertragungen und der ursprünglichen Aneignung, die er als Kriterium für die Gerechtigkeit einer Verteilung verlangt, nicht in Frage gestellt ist. Für einen liberalen Ansatz, der Umverteilung durch staatliche Maß- nahmen explizit verweigert, da er auf die Priorität der individuellen Frei- heit verweist, gilt Ähnliches. Er stellt ebenfalls eine Verteidigung der ak- tuellen Verteilung dar. Alle Maßnahmen, welche die Verteilung ändern, werden als Eingriffe in die Freiheit der Besitzenden abgelehnt, während der staatliche Eigentumsschutz, der auch in die Freiheit eingreift, näm- lich in jene der Habenichtse, legitimiert wird. Wie kann eine Gesellschaft gerechter werden? Praktische Anwendungen Sen will mit seinen Überlegungen zu Gerechtigkeit für praktische poli- tische Handlungen hilfreich sein. Er kritisiert die in der Moralphilosophie dominante Herangehensweise, vollkommen gerechte Gesellschaften zu charakterisieren. Eine solche vollkommen gerechte Gesellschaft existiert in der Wirklichkeit nicht, daher sollte auch eine Theorie der Ge- rechtigkeit darauf fokussieren, „[…] wie tatsächliche Versuche zur Ver- minderung von Ungerechtigkeit und Beförderung von Gerechtigkeit einzuschätzen sind“ (Sen 2010, S. 9). Insofern geht Sen davon aus, dass partielle Lösungen geeignet sind, die Welt gerechter zu machen. Zudem nimmt Sen an, dass nicht alle Fragen der vergleichenden Be- urteilung von Gerechtigkeit zufriedenstellend geklärt werden können. Bei manchen Vergleichen werden Meinungsverschiedenheiten über konkurrierende Erwägungen auch nach einer durch Vernunft bestimm- ten Prüfung der jeweiligen Ansichten nicht ausgeräumt werden können. Diese Form der Meinungspluralität ist nach Sen gerechtfertigt. Letztlich hängen nach Sen Ungerechtigkeiten sowohl von institutionellen Män- geln ab als auch von individuellem Verhalten. Für die praktische Förderung von Gerechtigkeit ist der Gegensatz zwischen dem, was real geschieht, und dem, was geschehen könnte, essenziell. Die größte Schwierigkeit dabei ist eine objektive Einschät- zung der Größe dieses Gegensatzes, denn Menschen sind oft schon lange an die Ungerechtigkeiten, die sie umgeben, gewöhnt. Unter- schiede zwischen Klassen oder nach Geschlecht gibt es schließlich schon lange. Um zu einer Einschätzung über Ungerechtigkeiten gelangen zu kön- nen, ist daher nach Sen der „öffentliche Vernunftgebrauch“ – eine de- mokratische Entscheidung auf Basis von vernunftgeprüften Argumen- ten. Diese vorerst recht theoretisch anmutende Anleitung hat eine praktische Perspektive: Entschieden werden soll über Handlungsalter- 7 44. Jahrgang (2018), Heft 1 Wirtschaft und Gesellschaft