grad von über 70% verfügen über staatliche Allgemeinverbindlichkeits- regelungen oder funktionale Äquivalente (wie Österreich, Spanien und Italien). Ausnahmen bilden hier Schweden und Dänemark, wo der hohe Deckungsgrad auf dem hohen Organisationsgrad der Gewerkschaften beruht, welcher wiederum vom Gent-System in der Arbeitslosenversi- cherung begünstigt wird. Mithilfe eines umfassenden Systems von Branchenkollektivverträgen kann die Verteilungssituation in einem Land über mehrere Kanäle be- einflusst werden: ? Kollektivverträge sorgen für eine gewisse Abschwächung des dem Kapitalismus innewohnenden, strukturellen Machtungleichge- wichts zwischen Lohnabhängigen und Unternehmen. Das gilt auch für Kollektivverträge auf Betriebsebene, aber in noch stärkerem Maße für koordinierte überbetriebliche Kollektivverträge. Letztere sind langfristig besser geeignet, die im Finanzkapitalismus struktu- rell angelegte Umverteilung von Arbeit zu Kapital einzuschränken als dezentrale Kollektivverträge. ? Branchenkollektivverträge bilden eine bessere institutionelle Vor- aussetzung für die volle Beteiligung der Beschäftigten am gesamt- wirtschaftlichen Produktivitätsfortschritt, da sie die gesamtwirt- schaftliche Lohnkoordination mit dem Ziel einer im Hinblick auf die funktionelle Einkommensverteilung neutrale, produktivitätsorien- tierte Lohnpolitik erleichtern (siehe unten). ? Branchenkollektivverträge wirken egalitär, weil sie Mindestlöhne festlegen, welche die Verteilungssituation der Beschäftigtengrup- pen mit der geringsten Verhandlungsmacht verbessern. Allge- meinverbindlichkeitserklärungen verstärken diese Wirkung. Ein System von Branchenkollektivverträgen mit hohem Deckungsgrad wirkt egalitär, weil es die Verteilungssituation auch der Beschäftig- ten in jenen Branchen, in denen unqualifizierte Berufstätige über- wiegen und die Gewerkschaften wenig verankert sind, verbessern. ? Umfassende Systeme von Branchenkollektivverträgen stellen wei- ters einen förderlichen institutionellen Rahmen für solidarische Lohnpolitik dar, die folgende Ziele verfolgt: • gleiches Entgelt für gleichwertige Arbeit; • gleiche jährliche Anhebung der kollektivvertraglichen Mindest- löhne im Ausmaß von mittelfristigem gesamtwirtschaftlichen Produktivitätsfortschritt und Teuerungsrate in allen Branchen; • überproportionale Anhebung des kollektivvertraglichen Mindest- lohns der jeweils untersten Lohngruppe in den einzelnen Bran- chen; • Komprimierung der gesamtwirtschaftlichen Lohnstruktur durch Festlegung von gesamtwirtschaftlichen Mindestlohnzielen, die 160 Wirtschaft und Gesellschaft 44. Jahrgang (2018), Heft 2