ÖkonomInnen scheinen davon auszugehen, dass die Debatte über Handelsabkommen von jenen dominiert wird, die durch gestiegene Konkurrenz wegen günstigerer Importe etwas zu verlieren hätten, eine Art „Import-Lobby“. Bei fehlender Konkurrenz könnten sie höhere Prei- se verlangen und würden daher mit populistischen und verkürzten Ar- gumenten gegen die Ausweitung des Handels antreten, was auf Kos- ten der KonsumentInnen gehen würde. Rodrik weist darauf hin, dass sich auch unter den BefürworterInnen der Freihandelsabkommen die LobbyistInnen und Sonderinteressen- gruppen tummeln. Die Verhandlungen um Abkommen werden unter größter Geheimhaltung geführt, teilweise haben selbst Abgeordnete, die darüber abstimmen, nur Zutritt zu speziellen Leseräumen, aber nicht zu Kopien der Entwürfe. Eine Studie von Drutman (2014) über das amerikanische TPP-Abkommen wertet die Namen der Firmen aus, die laut Industrieberichten (also eigenen Angaben) auf die Verhandlungen Einfluss genommen haben. Die Liste wird von Verbänden der Phar- maindustrie dominiert, und es tauchen auch zunehmend Lobbygrup- pen aus der IT-, der Unterhaltungs- und der Agrarbranche auf. In die- sem auf Einfluss angewiesenen Prozess schaffen es Gewerkschaften und NGOs laut Rodrik nicht, mit den Firmenverbänden mitzuhalten. Vor allem durch eine Ausweitung des Patentrechts und der Einfüh- rung sehr strikter Produktionsstandards, die in den Verträgen oft mehr Platz einnehmen als Zollbestimmungen und Ähnliches, werden Renten gesichert, also Einkünfte, die aus der Verknappung von Produkten und Dienstleistungen entstehen. Diese Sichtweise teilt auch einer der be- kanntesten und kompromisslosesten Verfechter des Freihandels, Jagdish Bhagwati (2008). Der Austausch von Gütern und Dienstleistungen ist in der modernen kapitalistischen Gesellschaft so zentral, dass er schon in der geläufigen Bezeichnung „Marktwirtschaft“ steckt. Es gehört zu den grundlegends- ten Erkenntnissen der frühen klassischen ÖkonomInnen, allen voran Adam Smith (1776), dass eine gesellschaftliche Aufteilung der Arbeit zu Spezialisierung und effizienterer Produktion führt. Die dabei erwirt- schafteten Überschüsse können in neue Produktionsanlagen investiert werden und sind für den rasanten wirtschaftlichen Aufstieg kapitalisti- scher Gesellschaften ab dem 19. Jh. mitverantwortlich. Wo Produktion an die Grenzen der Absatzmärkte stößt und das Transportwesen halbwegs entwickelt ist, überwindet der Tausch schnell die regionalen und auch staatlichen Grenzen. Wie wichtig ge- zielte staatliche Intervention in der ganzen Frage ist, zeigt sich schon an der Frage der Transportinfrastruktur, die in Form von Straßen, Ei- senbahnen und Häfen fast immer von der öffentlichen Hand koordiniert aufgebaut wurde. Handel zwischen ProduzentInnen und KonsumentIn- 279 44. Jahrgang (2018), Heft 3 Wirtschaft und Gesellschaft