nen verschiedener Staaten ist also von Beginn an eine Kernfrage der Wirtschaftswissenschaften. David Ricardos Handelsmodell (1817) stellt das Herzstück der neuen Handelstheorie dar. Als einer der Ersten vertrat er nicht nur im akade- mischen Diskurs, sondern auch sehr aktiv unter PolitikerInnen eine Aufhebung der protektionistischen Zölle und Gesetze. Die politische Bedeutung lag vor allem in der Durchsetzung der Interessen von Eng- lands Industrie und Handel gegenüber jenen der ländlichen Grundbe- sitzer. Die eindeutigen Ergebnisse vieler theoretischer Abhandlungen – mehr Handel bedeutet größeres Wachstum und positive Effekte auf Einkom- men und Beschäftigung – basieren auf diesem sehr einfachen Modell des komparativen Kostenvorteils von David Ricardo. Das macht einen grundlegenden Unterschied zwischen dem Handel innerhalb eines Landes und dem über Ländergrenzen hinweg. Im ers- ten Fall sind Firmen mit den niedrigsten Produktionskosten in der Lage, die Konkurrenz zu verdrängen. Auf internationaler Ebene dreht sich diese Dynamik im Modell aber. Es wird davon ausgegangen, dass Län- der sich auf die Industrien spezialisieren, in denen sie vergleichsweise günstiger produzieren. Die relativen Preise zwischen den Ländern wür- den sich automatisch so anpassen, dass das Handelsdefizit geschlos- sen würde. Nicht mehr die Produktionskosten, sondern die Geschwin- digkeit des Ausgleichs der Handelsbilanz bestimmen dann die Preisbil- dung und auch die Arbeitsteilung in der Produktion. Anwar Shaikh (2007) kommt zum gegenteiligen Schluss. Er argu- mentiert, dass auch auf dem Weltmarkt Firmen und nicht Nationen mit- einander konkurrieren. Und auch auf dem Weltmarkt würde Wettbe- werbsfähigkeit von den Produktionskosten bestimmt, was zu anhalten- den Handelsbilanzungleichgewichten und in der Folge zu Schuldenspi- ralen führen kann. Die realen Preise auf dem Weltmarkt werden von den Wechselkursen der Währungen mitbestimmt, die sich eben nicht automatisch an das Handelsdefizit anpassen. Dementsprechend muss auch das Ergebnis der herkömmlichen Modelle hinterfragt werden, in denen eine Auswei- tung des internationalen Handels immer potenziell allen nützt. Auch zahlreiche andere AutorInnen kommen zu dem Schluss, dass die erfolgreiche Protektion sich entwickelnder, nicht wettbewerbsfähi- ger Industrien ökonomisch modelliert werden kann. Ein Beispiel sind Gunnar Myrdals Theorie kumulativer Effekte (1969), bei denen Wettbe- werbsvorteile dadurch zementiert werden, dass eine Gravitation von qualifizierten Arbeitskräften, Wissen und Kapital in die produktiveren Zentren stattfindet. Joan Robinson (1956) führt technologischen Fort- schritt nicht nur als Entwicklung von Produktionsanlagen, sondern auch 280 Wirtschaft und Gesellschaft 44. Jahrgang (2018), Heft 3