Wozu ökonomische Theorie- geschichte studieren? Rezension von: Heinz D. Kurz, Geschichte des ökonomischen Denkens, C.H. Beck, München 2017, 128 Seiten, broschiert, A 8,95; ISBN 978-3-406-65553-1. Die Theoriegeschichte, einst ein stol- zes Fach der Volkswirtschaftslehre, befindet sich heute in einem bemitlei- denswerten Zustand. Im deutschspra- chigen Raum gibt es gegenwärtig nur noch einen einzigen Lehrstuhl, der die- ser Disziplin gewidmet ist und den Eli- sabeth Allgoewer innehat. Dieser ist angesiedelt an der Fakultät der Wirt- schafts- und Sozialwissenschaften der Universität Hamburg. Damit aber nicht genug: Hinzu kommt nämlich, dass es kaum noch institutionelle Anlässe gibt, zu denen sich der theoriegeschichtlich Interessierte mit Gleichgesinnten aus- tauschen könnte. Zu diesen seltenen Gelegenheiten gehören etwa die Ta- gung des Ausschusses für die Ge- schichte des ökonomischen Denkens des Vereins für Sozialpolitik, das in Er- furt stattfindende Doktorandenseminar zur Erneuerung der Ordnungsökono- mik und das in Frankfurt am Main an- gesiedelte dogmenhistorische Dokto- randenkolloquium. Gibt es aber kaum noch die Möglich- keit, als Theoriehistoriker im wissen- schaftlichen Betrieb beruflich unterzu- kommen, und besteht daher die ver- mutlich einzige akademische Erfolgs- strategie darin, den wissenschaftlichen Exodus anzutreten, um in den Nach- bardisziplinen als Exilant sein Glück zu versuchen, bleibt auch der wissen- schaftliche Nachwuchs aus. Dies wirkt sich aber nicht nur nachteilig auf die Forschung aus. Natürlich hat auch die Lehre unter dem Umstand zu leiden, dass die Anzahl theoriegeschichtlicher Experten stetig abnimmt und kaum noch Vorlesungen und Seminare zu dieser Thematik abgehalten werden. Es dürfte daher wenig überraschend sein, dass der Kenntnisstand von Stu- dierenden der Volkswirtschaftslehre hinsichtlich der Vergangenheit ihres ei- genen Fachs mehr als bescheiden ausfällt. Erklären lässt sich dieses mangeln- de Interesse an der Theoriegeschichte vor allem mit dem wissenschaftlichen Selbstverständnis, das in dem derzeit herrschenden Paradigma der Volks- wirtschaftslehre – dem Mainstream – vertreten wird. Diesem Paradigma fol- gend versteht sich die Volkswirt- schaftslehre als eine den Naturwissen- schaften nahestehende Disziplin. Ent- sprechend propagiert sie auch ein ku- mulatives Verständnis von wissen- schaftlichem Fortschritt: Der heutige Wissensstand der ökonomischen Zunft beinhaltet alles Richtige, alles Falsche wurde hingegen längst ausgesondert. Wozu bedarf es dann noch einer Theo- riegeschichte des eigenen Fachs? Die- se könnte nicht viel mehr sein als die Geschichte der Fehltritte der Wissen- schaft. Dass die Theoriegeschichte von der Mehrheit der Ökonomen tatsächlich für eine Art Friedhof gescheiterter Theo- rien gehalten wird, offenbart sich etwa dann, wenn Monika Schnitzer, Vorsit- zende des Vereins für Sozialpolitik, in einem Interview im Wirtschaftsblog der Frankfurter Allgemeinen Zeitung aus dem Jahr 2015 folgenden Vergleich anstellt: „Wenn Sie einen Medizinstu- denten ausbilden, dann lehren Sie auch nur die neuesten Methoden, so 428 Wirtschaft und Gesellschaft 44. Jahrgang (2018), Heft 3