Editorial Der tendenzielle Fall der Lohnquote und wie man ihn wieder umkehren könnte Die Lohnquote stellt den Anteil der Löhne am gesamtwirtschaftlich er- zielten Einkommen dar. Sie erreichte im Jahr 1978 ihren historischen Höchstwert mit 77,2% des Nettoinlandsprodukts zu Faktorkosten (Ar- beitnehmerInnenentgelte plus Gewinne). In den darauffolgenden vier Jahrzehnten ist sie um 9 Prozentpunkte gesunken und betrug 2017 noch 68,4%. Spiegelbildlich ist der Anteil der Gewinn- und Vermögens- einkommen gestiegen. Doch innerhalb dieser vier Jahrzehnte waren die Entwicklung und deren Determinanten recht unterschiedlich. Von Ende der 1970er-Jah- ren bis Mitte der 1990er-Jahre sank die Lohnquote leicht; darauf folgte ein scharfer Einbruch bis zum Beginn der Finanzkrise; in der Finanzkri- se stieg sie merklich. Als die vier wichtigsten ökonomischen Bestim- mungsgründe der Entwicklung der Lohnquote erwiesen sich: der Kon- junkturzyklus, die Höhe und Veränderung der Arbeitslosigkeit, Internationalisierung und Finanzialisierung sowie die Finanzkrise. Antizyklischer Verlauf der Lohnquote Das Jahr 1978 mit der bislang höchsten Lohnquote war ein Rezes- sionsjahr („Leistungsbilanzkrise“): Das reale BIP sank um 0,2%, und dennoch gelang es der Regierung Kreisky, die Arbeitslosigkeit auf Voll- beschäftigungsniveau (2,1% der unselbstständigen Erwerbspersonen) zu halten. In diesem Jahr zeigte sich die Bedeutung von zwei generell sehr wichtigen Determinanten der Lohnquote. Die Lohnquote unterliegt konjunkturellen Schwankungen: In der Re- zession brechen Produktivität und Gewinne ein, während die kollektiv- vertragsbestimmten Lohneinkommen erst mit Verzögerung reagieren. Deshalb steigt die Lohnquote. Dies ist 1978 und 1981 ebenso sichtbar wie 1992/93 und war in der tiefen Rezession 2008/09 besonders aus- geprägt. In der Hochkonjunktur hingegen wachsen die Gewinne kräftig, während der Anstieg der Löhne zurückbleibt: Die Lohnquote sinkt. 45. Jahrgang (2019), Heft 1 Wirtschaft und Gesellschaft 3