Ist die Lohnquote ein sinnvolles Maß? Die Lohnquote misst den Anteil der Einkommen unselbstständig Er- werbstätiger am Nettoinlandsprodukt zu Faktorkosten. Die Lohnquote bildet nicht exakt die saloppe Trennung zwischen Arbeitseinkommen und Kapitaleinkommen ab. Denn auch selbstständig Erwerbstätige leisten Arbeit und beziehen sowohl Arbeits- als auch Kapitaleinkom- men, und die beiden Komponenten des Einkommens sind empirisch schwierig zu trennen. Relevant ist auch, dass viele bislang im Rahmen unselbstständiger Arbeit erfolgte Tätigkeiten im Zuge der Flexibilisierung der Arbeitsmärk- te in selbstständige Erwerbstätigkeit umgewandelt wurden. Das betrifft Scheinselbstständigkeit und darunter auch viele Ein-Personen-Unter- nehmen. Damit wird die Lohnquote unterschätzt. Umgekehrt fallen an der Spitze der Löhne und Gehälter Einkommen an, die ökonomisch eher als Kapitaleinkommen zu werten wären. Das spielt in den USA und anderen angelsächsischen Ländern eine herausragende Rolle, wo der Anteil der Einkommen von CEOs u. a. Top-Lohneinkommensbezie- herInnen seit den 1980er-Jahren drastisch gestiegen ist. In Österreich bezog das oberste Prozent der LohneinkommensbezieherInnen 2017 6,8% (1994 6%) aller Lohneinkommen. Bereinigte und unbereinigte Lohnquote In der Berechnung der Lohnquote können Verschiebungen zwischen unselbstständiger und selbstständiger Erwerbstätigkeit berücksichtigt werden, indem für selbstständig Beschäftigte ein kalkulatorischer Un- ternehmerlohn angesetzt wird. In diesem Fall wird eine bereinigte Lohnquote ausgewiesen.5 Dies war vor allem von den 1950er- bis in die 1970er-Jahre relevant, als sich die Beschäftigung markant von der Landwirtschaft in Sachgüterproduktion und Dienstleistungssektor ver- lagerte und primär aus diesem Grund die unbereinigte Lohnquote kräf- tig anstieg. Seit Ende der 1970er-Jahre hat dies geringe Bedeutung. Zuletzt kam es durch Scheinselbstständigkeit und andere Phänomene zu einer Verschiebung in die andere Richtung. Oft wird gegen die Lohnquote eingewandt, dass in reichen Gesell- schaften unselbstständig Erwerbstätige auch Kapitaleinkommen be- ziehen und eine Betrachtung ausschließlich der erzielten Arbeitsein- kommen die ökonomische Situation nicht ausreichend würdigt. Dies ist generell eine Frage für die Analyse der personellen – und nicht der funktionellen – Einkommensverteilung. Empirische Untersuchungen auf Basis des „Household Finance and Consumption Survey“ kommen 6 Wirtschaft und Gesellschaft 45. Jahrgang (2019), Heft 1