3. Reformvorschläge und Reformblockaden12 Während Abschnitt 2 aus wirtschaftswissenschaftlicher Sicht notwendi- ge Reformerfordernisse für eine Stabilisierung der Währungsunion identi- fiziert, nehmen wir in diesem Abschnitt aus einer politikwissenschaftlichen Perspektive die politischen Realisierungschancen weitreichender Reform- konzepte wie dem Macrons in den Blick. Dazu fassen wir zunächst die wichtigsten Befunde der politikwissenschaftlichen Forschung zur Eurokri- se zusammen und analysieren vor diesem Hintergrund die verschiedenen Reformvorschläge, die derzeit auf der politischen Ebene diskutiert wer- den, ebenso wie den derzeitigen Verhandlungsstand. 3.1 Muster der krisengetriebenen Integration: Die politische Logik der Eurorettung Zur Beurteilung der Erfolgsaussichten verschiedener Reformvorschläge sowie generell für eine realistische Einschätzung der vorhandenen politi- schen Gestaltungsspielräume ist es erforderlich, die politische Logik der Eurorettung zu verstehen. Aus der politikwissenschaftlichen Befassung mit der Eurokrise lassen sich drei zentrale Befunde entnehmen: Erstens hat die Eurokrise zu einem Verteilungskonflikt zwischen Gläubiger- und Schuldnerländern geführt, der sich als ein Konflikt über Risikoteilung und Risikoverminderung artikuliert, also über die Frage, wie die Lasten der Eu- rokrise zu verteilen sind.13 Risikoteilung bedeutet eine grenzüberschrei- tende Lastenteilung, etwa durch Finanztransfers oder eine gemeinsame Haftung für Staatsschulden. Bei Risikoverminderung liegt das Augenmerk vor allem auf der Eigenverantwortung von Staaten, wirtschaftliche Proble- me durch Reformen ihrer politischen Ökonomien zu überwinden bzw. Kri- sen durch gemeinsame Regeln auf der europäischen Ebene vorzubeu- gen. Hauptelemente sind die Einführung und Verschärfung einer regelge- bundenen Wirtschafts- und Fiskalpolitik und ihre Überwachung und Durchsetzung durch technokratische Behörden. Transfers sollen so weit wie möglich vermieden werden, um den Reformdruck aufrechtzuerhalten und moral hazard (moralische Versuchung) zu minimieren. All diese Maß- nahmen sollen möglichst verhindern, dass eine Lastenteilung zwischen Mitgliedstaaten überhaupt erst notwendig wird. Interessanterweise teilt diese Unterscheidung nicht nur die Euroländer in zwei Lager, sondern sie korrespondiert darüber hinaus mit den unterschiedlichen wirtschaftspoliti- schen Konzeptionen aus Abschnitt 2: Risikoteilung entspricht einem key- nesianischen, Risikovermeidung einem neoklassisch-ordnungspoliti- schen Leitbild. Dies führt im Ergebnis zu einer kohärenten, über die Zeit stabilen Übereinstimmung zwischen vorherrschender wirtschaftspoliti- scher Philosophie, Verteilungspräferenz und Reformvorstellung der ein- 48 Wirtschaft und Gesellschaft 45. Jahrgang (2019), Heft 1