Die europäische Schuldenaversion. Schuldengrenze versus Investitionen? Gunther Tichy Unter deutscher Führung haben die EU und einige europäische Staaten eine geradezu krankhafte Aversion gegen Schulden entwickelt. Nicht bloß Staatsschulden gelten als grundsätzlich kontraproduktiv, erhebliche Angst besteht auch vor einer Überschuldung der Firmen. Es gab zwar (und gibt z. T. noch immer) Phasen (und Länder1), die solche Sorgen als verständ- lich erscheinen lassen. Allerdings haben inzwischen fast alle Staaten ihre Budgetdefizite erheblich reduziert, und die Unternehmungen zahlen sogar Schulden zurück. Insofern wäre ein Ende der Schuldendiskussion zu er- warten gewesen. Tatsächlich wird aber die Angst vor Schulden jetzt mit ei- nem zusätzlichen Argument geschürt: dass sie bei einer künftigen Zins- steigerung zu einer untragbaren Zinsenbelastung führen könnten (siehe dazu etwa den deutschen Sachverständigenrat [2017, S. 3f] und die Me- dienzitate im Kasten). Die Schuldenaversion in den Medien „Im EU-Raum wird die private Verschuldung zu einem Riesenproblem … Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), die Bank der Notenbanken, hat dafür sogar Schwellenwerte festgelegt: Wenn private Haushalte eine Ver- schuldung von 85 Prozent, Unternehmen eine von 90 Prozent überschreiten, leidet das Wirtschaftswachstum. Es werde dann wenig investiert, weil zu viel Geld in die Bedienung der Schulden fließen müsse.“ (R. Göweil, Der unbe- kannte Schuldenberg, in: Wiener Zeitung 24.4.2015) „Der Verschuldungsrekord kann allerdings böse Folgen haben. Dem bisheri- gen Rekordjahr ist die große Finanzkrise 2007 gefolgt.“ (T. Kanning, Unterneh- mensanleihen 2016. So hohe Schulden wie noch nie, in: FAZ 30.12.2016) „Im Jahr 2017 haben sich die im Aktienindex Dax notierten Unternehmen mit der gewaltigen Summe von mehr als 611 Milliarden Euro verschuldet. Dabei ist die Finanzdienstleistungsbranche, etwa Banken und Versicherungen, noch nicht eingerechnet.“ (E.-S. Krah, Deutsche Unternehmen stehen tief in der Kreide, in: Springer Professional 25.7.2017) „Die Weltwirtschaft steht auf tönernen Füßen: Staaten, Unternehmen und Haushalte haben sich mit 215 Billionen Dollar verschuldet. Das birgt große Ri- siken. Droht eine neue Wirtschaftskrise?“ (M. Frühauf, Globale Wirtschaft. Schulden in der Welt wachsen gefährlich schnell, in: FAZ 7.4.2017) „Fueled by low interest rates and strong investor appetite, debt of nonfinan- 67 45. Jahrgang (2019), Heft 1 Wirtschaft und Gesellschaft