sel zum Wohlstand.29 Nicht bloß Schuldenfreiheit, sogar Netto-Ersparnis- se werden nicht bloß für die privaten Haushalte, sondern auch für den Staat empfohlen. Die gegenwärtigen Schuldenniveaus wären viel zu hoch, langfristig gefährlich und unfair gegenüber künftigen Generationen. Gefährlich sind allerdings nicht so sehr die Schulden, als die uninfor- mierte, von Emotionen getragene Schuldendiskussion. Sie übersieht zu- mindest vier zentrale Aspekte: Erstens die schon erwähnte saldenmecha- nische Trivialarithmetik, derzufolge in der Volkswirtschaft, anders als beim Einzelnen, die Summe der Schulden immer der Summe der Ersparnisse entsprechen muss. Sparen die privaten Haushalte, muss sich irgendwer im gleichen Ausmaß verschulden, Unternehmen, Staat oder Ausland. Zweitens ignoriert die Diskussion, dass die Verschuldung des Auslands (anhaltende Exportüberschüsse) langfristig viel problematischer ist als die des Staates: Wenn es nicht schon zuvor zu Abwehrmaßnahmen der be- troffenen Staaten kommt, ist auf längere Sicht eine Aufwertung unver- meidlich,30 die die Ersparnisse der Haushalte entwertet. Drittens gibt es in den meisten europäischen Industriestaaten kaum Indizien für eine über- höhte Verschuldung. Netto sind die Unternehmen im Ausmaß von 74% (Österreich) bzw. 56% (Deutschland) des BIP verschuldet, die öffentliche Hand mit 56% (Österreich) bzw. 43% (Deutschland). Viertens ist die Angst vor steigenden Zinsen ungerechtfertigt: Die Zinsen werden erst dann – und nur dann – steigen, wenn der gesamtwirtschaftliche Sparüberschuss verschwindet oder jedenfalls deutlich schrumpft – abgesehen davon, dass das auf absehbare Zeit äußerst unwahrscheinlich ist, hat sich dann das Problem der saldenmechanisch erforderlichen zusätzlichen Verschuldung von Staat oder Ausland von selbst gelöst. Wenn es ein Schuldenproblem gibt, dann seitens der Finanzbranche. Die straffere Regulierung hat die Dynamik vor allem der Unternehmensfi- nanzierung von den Banken zu weniger regulierten und vielfach undurch- sichtigen „asset management companies“ und „private equity firms“ ver- schoben, was die Qualität der Anleihen erheblich reduziert hat.31 Aber auch die traditionellen Banken sind in der gegenwärtigen Phase der Über- liquidität – wie vor der Finanzkrise – allzu sehr bereit, hochverschuldete Schwellenländern und vor allem Firmen in diesen Ländern zu finanzieren. Natürlich stellt sich die Frage, ob der gegenwärtige Sparüberschuss auch weiterhin anhalten wird. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist relativ groß. Für anhaltend hohe Spartätigkeit der Haushalte sprechen der Wohlstand, die ungleiche Einkommensverteilung und die wohl anhaltende Unsicher- heit.32 Das zunehmende Alter der Bevölkerung wirkt dem nicht entgegen, da – anders als in der Lebenszyklusthese33 – in der Vergangenheit keine Auflösung der Ersparnisse im Alter beobachtet werden konnte.34 Zugleich dürfte der Gewinn für die Finanzierung der Unternehmensinvestitionen auf absehbare Zeit ausreichen: Bei prognostizierten Wachstumsraten um die 81 45. Jahrgang (2019), Heft 1 Wirtschaft und Gesellschaft