BÜCHER Karl Polanyi: Ein Denker für die heutige Zeit Rezension von: Gareth Dale, Karl Polanyi: A Life on the Left, Columbia University Press, New York 2017, 381 Seiten, broschiert, ca. A 22; ISBN: 978-0-231-17609-5. Globale Erderwärmung, Artenster- ben, Handelsstreit, Sanktionen, Krie- ge, Flüchtlinge, dazu die Gefahren von Gentechnik, Big Data und Massenme- dien: Die wohlhabende und friedliche Welt, das „Ende der Geschichte“, das von neoliberaler Seite noch vor weni- gen Jahren so stolz propagiert wurde, gehört der Vergangenheit an. Zweifel kommen auf, ob die Globalisierung eine unvermeidliche Tatsache ist, die allen zum Vorteil gereicht, oder ob die politischen Eliten den weltumspannen- den Wettbewerb nicht eher als Vor- wand missbrauchen, um ihre Privile- gien zu sichern. Die Wahlerfolge souveränistischer politischer Kräfte in Ungarn, Polen, Ös- terreich und Italien, die Zugewinne der „Nationalen Front“ in Frankreich, der „Alternative für Deutschland“ und das Votum für den Brexit deuten an, dass eine wachsende Anzahl von Men- schen den wirtschaftsliberalen Glau- benssätzen skeptisch gegenübersteht. Mehr noch, der Aufstieg von Erdo®an in der Türkei, der Sieg der hindu-natio- nalistischen Kräfte unter Narendra Modi in Indien, die Wahlerfolge Donald Trumps in den USA und Jair Bolsona- ros in Brasilien zeigen, dass der politi- sche Rechtsruck nicht auf die Europäi- sche Union begrenzt ist. Viele der beschriebenen Erscheinun- gen sind so neu nicht. Schon einmal glaubten Regierungen, die Stabilisie- rung des internationalen Markt- und Fi- nanzsystems über die Belange der Menschen stellen zu müssen, deren Interessen sie zu vertreten bean- spruchten. Das Unterfangen scheiter- te. Die Konsequenzen kennen wir. Als die Austeritätspolitik in Deutschland die versprochenen Wirkungen nicht zeigte, konnten die demokratischen Kräfte den Aufstieg Hitlers nicht mehr verhindern. Sicher, Geschichte wieder- holt sich nicht. Aber die Frage drängt sich auf, ob es möglich sein könnte, dass die Konflikte, die Europa in den 1930er-Jahren ins Unglück stürzten, heute weitere Teile des Erdballs und größere Bevölkerungen erfassen. Das deutlich gestiegene Interesse an Karl Polanyis Arbeiten im letzten Jahr- zehnt wäre ohne die Parallelen zwi- schen den jüngeren Ereignissen und den Zwischenkriegserfahrungen in Eu- ropa kaum zu verstehen. Polanyi war es, der in seinem bekanntesten Buch „The Great Transformation“ (TGT) in bis heute einzigartiger Weise die Span- nungen herausarbeitete, die den Zu- sammenbruch der liberalen Zivilisation des 19. Jahrhunderts bewirkten, die Europa zum führenden Kontinent auf dem Globus gemacht hatte. Rückblickend wird sichtbar, dass der große Kritiker der politischen Ökono- mie im vergangenen Jahrhundert nicht John M. Keynes war, sondern Karl Po- lanyi. Dieser glaubte nicht an die Nach- 111 45. Jahrgang (2019), Heft 1 Wirtschaft und Gesellschaft