Eine Globalgeschichte der Arbeit Rezension von Marcel van der Linden, Workers of the World. Eine Global- geschichte der Arbeit, Campus-Verlag, Frankfurt am Main 2017, 503 Seiten, broschiert, A 41,10; ISBN 978-3-593-50619-7. Die globale Geschichte der Arbeit ist ein vergleichsweise neues Feld, das viele unterschiedliche Aspekte um- fasst. Zu ihren wichtigsten Anliegen gehört die stärkere intellektuelle und institutionelle Einbeziehung der Ge- schichtsschreibung über und im „glo- balen Süden“. Anregungen aus den Diskussionen über Kolonialismus und Postkolonialismus waren in zahlrei- chen Anläufen zu globalen Perspekti- ven in der Geschichtsforschung von wesentlicher Bedeutung. Dies gilt auch für die Geschichte der Arbeit. Eine weiterhin zentrale Frage lautet, wie Kolonialismus die Geschichte der Arbeit geprägt hat. Eine wichtige Insti- tution in diesem Zusammenhang ist die Sklavenplantage als formative Erfah- rung in der Entwicklung großer, strikt organisierter und eng überwachter Un- ternehmen. Wie hat diese Erfahrung Vorstellungen, Organisation und Prak- tiken von Arbeit in der Welt geformt? Schließlich bietet auch ein Argument von Karl Marx, so der Autor, wichtige Anregungen: Folgen wir ihm, sind der Zugang zu Land und die Möglichkeit der Migration Hindernisse für die ur- sprüngliche Akkumulation. In diesem Rahmen kann die Übertra- gung von Arbeitsmustern (einschließ- lich Rechtsformen von Arbeit, Arbeits- ethik, Ausbildung und Disziplin) vom Westen in die Kolonien untersucht wer- den, wobei sich die realen Auswirkun- gen solcher Übertragungen oftmals von den mit ihnen verbundenen Ab- sichten unterschieden – zentrale Kon- zepte sind Transfer, Abstoßung und Wandel. Gleichzeitig, so der Autor wei- ter, ist es von großer Bedeutung, die Einflüsse in entgegengesetzter Rich- tung – von der Kolonie in die Metropole – festzuhalten und zu erforschen. Mi- grationen sind in diesem Zusammen- hang ein wichtiges Forschungsfeld. Neben dem Konzept der Arbeit muss auch das Konzept der Arbeiterklasse neu beleuchtet werden. Der Begriff entwickelte sich im 19. Jahrhundert im nordatlantischen Raum zur Benen- nung der sogenannten „respektablen“ ArbeiterInnen – um sie von SklavInnen und anderen unfreien ArbeiterInnen wie zum selbstständigen Kleinbürger- tum und den armen Ausgestoßenen, dem Lumpenproletariat, abgrenzen zu können. Für viele Regionen der Welt macht eine solche Kategorisierung je- doch wenig Sinn. Denn unfreie Arbeiter der unterschiedlichsten Art sind in wei- ten Teilen der Welt die Regel und nicht, wie die klassische – eurozentrische – Definition von Arbeiterklasse sugge- riert, die Ausnahme. Zu den Anliegen der Global Labour History gehört es, eine neue Begriff- lichkeit von Arbeiterklasse zu entwi- ckeln, die sich stärker an der Inklusion verschiedener abhängiger oder margi- nalisierter Arbeitergruppen orientiert. Ein sehr gutes Beispiel bietet die eta- blierte Geschichtsschreibung zur Skla- verei in Brasilien, die ihre Forschungen zunehmend auch als Beitrag zur Ge- schichte der Arbeit versteht. Es ist ja bekannt, so der Autor, dass der Rassismus in Brasilien nie derart umfänglich institutionalisiert war wie in Wirtschaft und Gesellschaft 45. Jahrgang (2019), Heft 1 158